Blickt der aufmerksame Wanderer am Strand in den See, so schaut er in klares Wasser. Aber er wird auch
in der kalten Jahreszeit an der Brandungszone angeschwemmten Pflanzenhaufen und weiße Schaumflocken
nicht übersehen können. Dies sollte ihm Anlass zum Nachdenken sein (Abb. 1).
Sporttaucher, die den See schon seit längerer Zeit kennen, wundern sich darüber, dass die
Sichtverhältnisse von Jahr zu Jahr schlechter werden. Ursache dafür sind nicht Fische, die im
Sediment nach Nahrung wühlen. Sie verharren in der kalten Jahreszeit sowieso in Ruhestellung am
Grund im Schutz von Pflanzen. Woher kommt also die Trübung, die nun im Gegensatz zu früher
ganzjährig anhält? Verursacht wird sie in den Wintermonaten vorwiegend durch Schwebeteilchen
und auch Bakterien. Phyto- und Zooplankton schränken in den wärmeren Monaten je nach Ausbildungsgrad
weiterhin die Sichtverhältnisse ein. Die Frage stellt sich, wie kommt es zu so einer großen
Anhäufung? Die Erklärung ist komplexer Natur und deckt im Zusammenhang damit noch andere
Missverhältnisse auf, die das Ökosystem stören.
Auf dem See schwimmen unverhältnismäßig viele Blessrallen (Fulica atra), die sich in den letzten
Jahren stark vermehrt haben. Sie sind omnivor, Allesfresser. Ihre tierische Nahrung besteht aus
Muscheln (im Kulkwitzer See kommen vornehmlich Dreikantmuscheln vor), Schnecken, Würmern, Insekten
und deren Larven, Kleinkrebsen, Froschlaich, Kaulquappen, Fischbrut u.a. Sie plündern auch Nester
von Enten und Wasservögeln.
Zur pflanzlichen Nahrung gehören Algen, vor allem Makroalgen, wie die im Kulkwitzer See so zahlreich
vorkommenden Armleuchteralgen (Characea); höhere Wasserpflanzen wie Wasserpest, Hahnenfuß,
Schilfschösslinge und Weichteile vom Kammförmigen Laichkraut u.a. Laichkräutern. Das Kammförmige
Laichkraut, dessen Stängel von 2m unter der Wasseroberfläche bis in 7m Tiefe reichen kann, bildet
im Kulkwitzer See große, fast undurchdringliche Bestände. Ein idealer Schlupfwinkel für Fische.
Blessrallen fressen aber auch Gras, Brot und Abfälle (siehe auch Jenrich, J. 2009). Ihr Aufenthalt
auf dem See - wie der Kenner der Unterwasserlandschaft weiß - entspricht genau den Orten, wo sie
nach Wasserpflanzen tauchen (Abb. 2). Dazu gesellen sich in den Wintermonaten noch andere
Tauchente (aus den Gattungen Netta, Aythya, Bucephala). Die Kolbenente (Netta rufina) ist ein
Nahrungsspezialist, der mit Vorliebe Armleuchteralgen frisst, wie Untersuchungen am Bodensee
ergaben (Werner, S. und Mitarbeiter. 2004).
Vom Kammlaichkraut fressen die Blessrallen nur die weichen Pflanzenteile und die am Stengel
sitzenden Dreikantmuscheln. Da aber die gesamte Pflanze ausgerissen wird, schwimmt der große
Rest im See. Ein Teil davon nehmen noch die Schwäne, die auf dem See zwischen den Blessrallen
schwimmen (Abb. 2). Der Hauptanteil wird jedoch an den Strand gespült (Abb. 1). Auf diese Art
werden die Pflanzen- und Armleuchteralgenbestände, die wichtigsten Sauerstofflieferanten im
See, stark dezimiert. Zwar können sich die Pflanzenbestände in der Vegetationsperiode wieder
etwas erholen, aber der Zuwachs reicht nicht aus und so wird seit Jahren ein ständiger
Rückgang beobachtet.
Die zunehmende Eintrübung des Wassers behindert auch den Einfall des Sonnenlichts in größere
Tiefen. Darunter leiden besonders die Armleuchteralgen, die bislang noch in 12 - 15m Tiefe
wuchsen. Das Endergebnis ist eine kahle Unterwasserlandschaft, in der sich auch die gestressten
Fische nicht mehr wohlfühlen, durch verstärkten Parasitenbefall krank werden und sterben
(Abb. 3 und 4).
Zu den durch die Fütterung angelockten Wasservögeln gesellen sich stets weitere Wintergäste.
So kommt es zu einer übermäßigen Anzahl von Tieren, die den See stark belasten. Die Ausscheidungen
der Vögel, die der Sporttaucher ständig von der Wasseroberfläche in die Tiefe fallen sieht,
trüben das Wasser, sinken auf den Grund und sind bester Nährboden für Bakterien Grün- und
Blaualgen. An den Unterwasserplattformen, die sich auch als biologische Messstationen eignen,
ist das deutlich zu sehen (Abb.5 und 6).
Auch im Bodenbereich werden zunehmend Algen- und Bakterienkolonien beobachtet (Abb. 7). Zu dieser
Problematik kommt noch hinzu, dass in der Badesaison der See großen Einflüssen unterliegt,
wie der Algenwuchs im Flachwasser im Oktober 2008 zeigt (Abb. 8)!
Die räumliche Verteilung der Algen, Makroalgen und höheren Pflanzen ist im See nicht
einheitlich. Das lässt auf ein in Art und Menge unterschiedliches Nährstoffangebot schließen,
wie beispielsweise Phosphor und Stickstoff. So wächst in einigen, noch lokal abgegrenzten
Bereichen die Kanadische Wasserpest (Abb. 9), ebenfalls ein Indikator für nährstoffreiches
Wasser.
Natürlich verfügt der See auch über Selbstreinigungskräfte, beginnend im Mikrokosmos. Einig
von ihnen wurden im Ergebnis systematischer Untersuchungen von der Biogruppe im "Delphinarium",
der Vereinszeitschrift des Tauchsportvereins "Leipziger Delphine e.V.", vorgestellt. So z.B.
ernähren sich zahlreiche Wimperntierchen (Ciliaten) von Bakterien, wie die in der kälteren
Jahreszeit im Kulkwitzer See massenhaft auftretenden Einzeller, die Glockentierchen (Abb. 10-12).
Sie sind ein sichtbares Anzeichen für das Vorkommen von Bakterien. Allerdings benötigen sie für
ihre sesshafte Lebensweise Wasserpflanzen, an denen sie sich festheften. Werden diese
herausgerissen und angeschwemmt (Abb. 1), dann sterben auch sie ab. Wahrscheinlich liefern
sie dann den Hauptanteil der weißen Schaumflocken, die aus geschlagenem Eiweiß bestehen.
Der See verliert damit nicht nur Sauerstoffproduzenten sondern auch noch Selbstreinigungskräfte.
Die Hauptarbeit bei der Selbstreinigung erfolgt am Gewässergrund. Bei der Aufarbeitung des
Detritus - zerfallene Reste von Tieren und Pflanzen - ist eine riesige Anzahl von Tieren
beteiligt. Sie alle benötigen Sauerstoff. Ist der nicht mehr in ausreichender Menge gegeben,
sterben auch sie ab. In der Folge treten verstärkt anaerob lebende Bakterien und Blaualgen
auf, die Schwefelwasserstoff produzieren. Fauliger, giftige Gase entwickelnder Schlamm ist
das Resultat, der sich erst partiell und in der Folge mehr und mehr ausbreitet. Der See
kippt um, wie es in der Fachsprache heißt. Dem müssen wir entgegenwirken. Liebe Besucher,
bitte halten Sie den See und sein Ufer zu jeder Jahreszeit sauber und füttern Sie bitte keine
Tiere, wie es leider immer wieder zu beobachten ist (Abb. 13)!
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