Sorgen ums Wasser
Stadtverwaltung kippt Abrissstrategie in Grünauer Plattenbausiedlung
"Das Trinkwassernetz in Grünau wird derzeit nur zu 27 Prozent ausgelastet", erklärte Uwe Winkler von den
Kommunalen Wasserwerken (KWL) im Lindenauer Wächterhaus bei einer Vortragsreihe zur Stadtentwicklung und den
damit verbundenen Belastungen für die technische Infrastruktur, vor allem dem Trinkwasser- und Abwassernetz.
Prognosen gingen davon aus, dass in diesem Plattenbaugebiet bald nur noch 20 Prozent der möglichen
Trinkwassermenge abgenommen werden. In Grünau lebten zur Wende 1989 etwa 85 000 Leipziger. Gegenwärtig
wohnen noch 49 000 dort. "In absehbarer Zeit sinkt die Einwohnerzahl in diesem Stadtteil auf 32 000,
sagen Demographen voraus", meinte Winkler. Dies habe zur Folge, dass die Fließgeschwindigkeit in den
Trinkwasserleitungen spürbar nachlasse, die so genannte Aufenthaltsdauer des Wassers in den Leitungen
ansteige. Von bis zu 30 Tagen ist die Rede, und auch die Temperatur erhöhe sich. Da seien Qualitätsmängel
nicht mehr auszuschließen. "Gegenwärtig bekommen die Grünauer aber noch bestes Wasser", versicherte der
KWL-Experte eilig. Die Hauptprobleme entstünden, weil in Grünau kein flächenhafter Rückbau der
Plattenbausiedlung stattfindet, der dem Wasserversorger das komplette Stilllegen ganzer Bereiche
ermöglicht, betonte Professor Matthias Koziol, Lehrstuhlinhaber Stadttechnik der Universität Cottbus.
"Dies war in Grünau leider nicht machbar, weil die Eigentümer - vorwiegend Genossenschaften und
Banken - bestimmen, was mit ihren zum Teil leerstehenden Grundstücken geschieht", bedauerte Winkler.
So sei der Versuch des flächenhaften Abrisses gescheitert und die Stadt habe die einstige Umbaustrategie
gekippt. Einflussmöglichkeiten der Stadtverwaltung auf Abrisse seien deshalb äußerst gering. Hinzu komme,
dass die Kommune aufgrund der extremen Schuldenlasten kaum Geld zum Erwerb von Grundstücken zur Verfügung
habe, die dann abgerissen werden könnten. So wären in Grünau bislang nur punktuell Häuser platt gemacht
worden, die den Eigentümern Fördermittel in Millionenhöhe eingebracht haben. "In Schwerin hat der
Stadtrat beschlossen, dass alle Häuser mit einem Leerstand ab 70 Prozent abgerissen oder zumindest
still gelegt werden", fügte Koziol hinzu.
Winkler bestritt nicht, dass die Ausdünnung der Wohnquartiere sowie der allgemein sparsame
Wasserverbrauch die Kosten in die Höhe treibt. "Halbierte Bevölkerungsdichte führt zu einer Verdopplung
der Kosten", sagte der Mann von den Wasserwerken. In Leipzig verbrauchte 1989 täglich jeder Bürger
durchschnittlich 150 Liter Wasser. Jetzt nur noch 89 Liter. Aber der Aufwand des Unternehmens sei
deshalb kaum geringer geworden. Die KWL habe in Leipzig ein Trinkwasserrohrnetz von mehr als 3100
Kilometer Länge. Ein erheblicher Teil davon sei älter als 100 Jahre. "Es besteht deshalb ein
zwingender Erneuerungsbedarf in Höhe von rund 250 Millionen Euro", verriet Winkler. Etwa 1000
Kilometer Leitungen müssten in den nächsten Jahren vor allem in den Altbaugebieten saniert werden.
Besonders kritisch sei es in Gohlis und Möckern rechts und links der Georg-Schumann-Straße.
Leserbrief von Dr. Leonhard Kasek zu diesem LVZ - Beitrag: Zu Sorgen ums Wasser, LVZ, - 27.06.08
Dass in Grünau Menschen wohnen und sich dort wohl fühlen hat sich
offenbar noch nicht bis zu den Wasserwerken herumgesprochen. Da wird auf
einer Veranstaltung dieser stadteignen Firma herumgejammert, dass in
Grünau nicht flächendeckend abgerissen würde. Die Wasserqualität könne
künftig nicht mehr gesichert werden. Den Vermietern wird vorgeworfen,
dass sie nur punktuell abrissen. Dass die Wohnungseigentümer auf ihre
Mieter hören und die gern behalten möchten begreifen die Monopolisten
offenbar nicht. Sie haben Ihre Kunden zwangsweise und die können den
Wasserlieferanten leider nicht wechseln. Nun wird auch klarer, weshalb
die Stadt z.B. im WK 8 flächendeckend abreißen möchte: Damit die
Wasserwerke (und wohl auch die Stadtwerke) mehr verdienen und an die
Stadt abführen können. Was interessiert da, dass Grünau trotz sinkender
Einwohnerzahl immer noch dichter besiedelt ist und damit je Meter
Hauptleitung mehr Abnehmer hat als die meisten anderen Stadtteile? Je
mehr Mieter pro Leitungsstrecke desto höher der Ertrag, mehr
interessiert die Herren nicht. Sich wohlfühlende Mieter? Unfug, sie
haben sich dem Gewinnstreben des Stadtmonopolisten unterzuordnen. Was
sagen eigentlich die Volksvertreter im Stadtrat dazu, wenn die
Stadtfirmen versuchen, Bürger zu Bauern auf dem Brett ihrer Geschäfte zu
degradieren? Sind sie zu zufrieden, wenn die Gewinne der Wasserwerke
trotz zurück gehenden Absatzes stabil bleiben, auch wenn das bedeutet,
dass die Bürger je Liter Wasser einen höheren Gewinnanteil zahlen
müssen? Reicht es Ihnen, wenn die Gewinne künftig steigen, damit die LVV
endlich ihre Schulden an die Stadt abzahlen kann, gleich welche
Konsequenzen das für die Bürger hat?
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