Leipzig erinnert an 9. Oktober '89
Nacht der Kerzen auf dem Nikolaikirchhof / Steinmeier warnt vor "Geschichtsklitterung"
Die Leipziger haben gestern an den 9. Oktober 1989 erinnert. Mehr als 8000 Menschen versammelten sich am Abend
auf dem Nikolaikirchhof, wo sie aus Kerzen eine große "89" zum Leuchten brachten. Bereits am Nachmittag fand
das traditionelle Friedensgebet statt. Außerdem forderte Außenminister und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter
Steinmeier in einer Rede in der Nikolaikirche, dem Tag ein größeres Gewicht in der deutschen Erinnerungskultur
zu verschaffen.
Am 9. Oktober 1989 waren in der Messestadt rund 70 000 Menschen auf die Straße gegangen, um für Menschenrechte
zu demonstrieren. An diesem Tag hätten die Bürger ihre Wut und ihren Mut zusammengenommen und ihre Freiheit
und ihr Leben für eine neue politische Zukunft riskiert, so Steinmeier, der die traditionelle "Rede zur
Demokratie" am Jahrestag der friedlichen Proteste hielt. Er wandte sich zudem gegen eine "Geschichtsklitterung"
und eine Verharmlosung des SED-Unrechts. Das Zeugnis der 70 000 Montagsdemonstranten sei die wichtigste Waffe
gegen diese Tendenzen. Im anschließenden Friedensgebet warnte auch Superintendent Martin Henker vor der
Verklärung der Geschichte. Die DDR sei nicht nur ein Staat großer sozialer Nähe und überschaubarer
Lebensperspektiven gewesen. Vielmehr habe die SED ein "System der Verweigerung menschlicher Grundrechte"
errichtet. "Wer den Zusammenbruch der verlogenen Diktatur miterleben durfte, sollte ein Leben lang dafür
dankbar sein", sagte der evangelische Theologe.
Neben der "Rede zur Demokratie", die jedes Jahr ein anderer Spitzenpolitiker hält, und dem Friedensgebet
gehörte in diesem Jahr auch ein Demokratieforum mit dem Aufbau-Ost-Minister Wolfgang Tiefensee (SPD) im
Leipziger Gewandhaus zu den Veranstaltungen zum 9. Oktober. Am Abend erinnerte zudem die Lichtinszenierung
Nacht der Kerzen an die dramatischen Ereignisse vor 19 Jahren. Alle Leipziger waren aufgefordert, mit einer
Kerze an der Gestaltung einer großen, leuchtenden "89" auf dem Nikolaikirchhof mitzuwirken. Insgesamt kamen
laut Angaben der Veranstalter über 8000 Menschen. Das gemeinsame Gedenken wurde zudem mit historischen
Aufnahmen untermalt. Auch der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) war zur Nacht der Kerzen
gekommen. Er unterstrich dabei noch einmal die Forderung nach einem nationalen Einheitsdenkmal für die
Stadt. Es wäre für ihn schwer erträglich, wenn es ein solches Denkmal nur in Berlin gäbe. Verkehrsminister
Tiefensee, der unmittelbare Amtsvorgänger von Jung, äußerte zudem die Erwartung, dass sich beide Denkmäler
in Berlin und Leipzig aufeinander beziehen. Zuvor hatte sich auch Steinmeier in der Nikolaikirche für
einen "Ort bleibender Erinnerung" ausgesprochen. Leipzig habe es verdient.
Leipzig erinnerte gestern an den 9. Oktober 1989 - den entscheidenden Tag der friedlichen Revolution.
"Wir hatten alle Gänsehaut"
Der Herbst 1989 ging in die Geschichte ein. Diese Zeitung fragte Leipziger und Gäste der Stadt, was sie
persönlich mit dieser Zeit verbinden. Falk-Gert Pasemann war am 9. Oktober 1989 gerade nicht in Leipzig.
"Ich habe aber in Gera im Fernsehen gesehen, was hier los war", erzählt der 57-Jährige. Am Montag darauf,
also am 16. Oktober, sei er dann mit seiner Frau auch selbst in die Innenstadt gegangen. "Wir hatten alle
Gänsehaut", beschreibt der Leipziger seine Gefühle. "Je mehr Menschen kamen, umso leiser wurde es." Er
habe zum ersten Mal in seinem Leben eine sich selbst steuernde Menschenmasse gesehen. "Es gab niemanden,
der Anweisungen gab", erzählt er. "Nur von hinten rief es 'Loslaufen'." Bei späteren Kundgebungen habe
er die Beschallung für den Augustusplatz organisiert, die Leute ermuntert, Reden zu halten. Aus einem
anderen Blickwinkel heraus hat Brunhilde Dilly den 9. Oktober 1989 erlebt. "Ich komme aus Rheinland-Pfalz
und habe damals vor dem Fernseher gesessen", erzählt die 46-Jährige. "Ich habe total bewundert, dass die
Leipziger aufgestanden sind." Auch wenn, so meint sie weiter, an diesem Tag natürlich noch niemand ahnen
konnte, dass einen Monat später die Mauer fallen würde. Besonders beeindruckend ist für sie die Rolle der
Kirche in der Demokratiebewegung. Werner Hauke wohnt seit 2001 in Berlin, lebte 1989 in Leipzig. "Ich war
jeden Montag dabei", erzählt er. "Damals war ich 51 Jahre alt." An einem Besenstiel hatte er eine Tafel
befestigt - und jeden Montag eine neues Plakat darauf geklebt. Mit einer Botschaft, zum Umweltschutz, zu
den Menschenrechten. "Das war für mich eines der beeindruckendsten Erlebnisse meines Lebens", sagt Hauke
über den '89er Herbst. Gar keine Erinnerungen an die Friedliche Revolution hat dagegen Sonja Seidel. Sie
war damals gerade drei Jahre alt. "Aber ich kenne den 9. Oktober 1989 aus Erzählungen und aus der Schule,
wo dieser Teil der deutschen Geschichte eine große Rolle gespielt hat", erklärt die Studentin. Der
gleichaltrige Benjamin Niedermann stammt aus Meersburg am Bodensee. "Bei uns in der Schule wurde die
DDR fast gar nicht behandelt", erzählt er. "Das, was ich weiß, habe ich erzählt bekommen oder in
Dokumentationen gesehen." Das war bei Gerhard Sopart ganz anders. "Ich habe das alles erlebt", erzählt
der 49-Jährige. "Noch heute sehe ich die Volkspolizei, wie sie sich drohend aufgestellt hat." Mit einer
Kerze sei er am 9. Oktober auf dem Ring mitgelaufen. "Das bewegt mich noch heute." Hilde Bauder aus dem
schwäbischen Heidenheim hat die Fernsehbilder dieser Zeit noch vor Augen. "Ich war sehr beeindruckt von
den Menschen, die da auf die Straße gegangen sind." Sie habe auch ein bisschen Angst um die Leute
gehabt. "Aber es war ja alles friedlich", sagt die 69-Jährige. "Menschen haben gewaltlos Widerstand
geleistet."
"Das kann nur hier gelingen" - Leipziger und ihre Gäste erleben bewegende Nacht der Kerzen
Mit einer bewegenden Nacht der Kerzen ging gestern auf dem Nikolaikirchhof die Feier des 19. Revolutions-Jahrestages zu Ende.
"Mit allem haben wir gerechnet, aber nicht mit Kerzen", sagt Peter Sodann als Stasi-General im Film
"Nikolaikirche" - und gesteht damit eine historische Niederlage ein. Ja, Kerzen! Das zweite Mal findet
diese Nacht der Erleuchtung zum Gedenken an den 9. Oktober 1989, den Entscheidungstag der Friedlichen
Revolution, statt. Jung und Alt erleben auf dem Nikolaikirchhof eine hochgradig emotionale Inszenierung
ohne hoch dotierte Regisseure oder Dirigenten. Im wunderbar singenden Kinderchor des Evangelischen
Schulzentrums steht Fünftklässler Gero in der ersten Sängerreihe. Zu Hause in Güldengossa, kann er für
diesen Abend den ungewöhnlich langen Ausgang genießen und wird das Erlebte so wenig vergessen wie Hermann
Gerbes, ein Mann im Mittelalter, aus Mainz. Jedes (!) Jahr kommt er am 9. Oktober nach Leipzig. "So etwas
wie das hier, das kann nur hier gelingen", ist der Lehrer überzeugt.
Unter den 8000 Menschen, die den Nikolaikirchhof füllen, steht Lothar Eißmann (75). Der Leipziger
Geologie-Professor im Ruhestand weiß aus seinem Fachgebiet genau, was Revolutionen sind. "Da kommen sie
in für Menschen eigentlich nicht vorstellbaren Zeiträumen daher", merkt Eißmann an. Er hätte zu gern die
Französische Revolution verfolgt oder den Geheimrat Goethe persönlich kennen gelernt, ist aber auch damit
zufrieden, in Leipzig "die tektonische Verschiebung namens Friedliche Revolution" erlebt zu haben. Bernd
Hilder, Chefredakteur dieser Zeitung, befragt Leipzigs Oberbürgermeister. "Ich bin begeistert, ein
wunderbares Zeichen aus und für Leipzig", sagt Burkhard Jung (SPD). Auch sein Vorgänger Wolfgang Tiefensee
(SPD), nun Bundesverkehrsminister, würdigt den Tag der Entscheidung, den Leipzig auch fast 20 Jahre danach
mit Würde und Freude begeht. Tiefensee verhehlt freilich nicht, dass es nun statt der einstigen Angst vor
denen da oben die Angst vor dem da unten, heißt vor der Arbeitslosigkeit, gibt. Heinz Eggert (CDU), einst
Pfarrer und Bürgerrechtler, längst Politik-Urgestein aus Sachsen, ist gekommen. Es werde heute oft geklagt,
dass für die Wiedervereinigung so viel Geld in den Osten geflossen ist, anstatt immer nur froh zu sein,
dass am 9. Oktober kein Blut geflossen ist. Historiker Arnulf Baring bringt es auf dem Punkt: "Das ist
kein Abend, um nach deutscher Art die Bedenken zu verwalten. Es war eine gelungene Friedliche Revolution."
Im Bühnen-Talk treten mit Thomas Rudolph und Jochen Läßig auch noch zwei jener mutigen Leipziger auf, die
dafür sorgten, dass es überhaupt zu einem Tag wie jenem 9. Oktober kommen konnte. Emotionen pur auf dem
Nikolaikirchhof. Die Kirche ist illuminiert, das Orgelspiel klingt gewaltig, es wird musiziert und
gesungen. Am Ende erklingt das Dona Nobis Pacem. Eine "89" wird nun mit Kerzen gestaltet. Schon jetzt
freuen sich die Menschen auf das kommende Jahr. Dann wird die Friedliche Revolution 20 Jahre alt.
Gewandhaus | Tiefensee würdigt Sternstunden
2009 wird das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland 60 Jahre alt. Die Friedliche Revolution, bei
der mutige Ostdeutsche die Erfolgsgeschichte des Grundgesetzes durch ihr Eintreten für Freiheit und
Menschenrechte erweitert haben, liegt dann 20 Jahre zurück. Um die Bedeutung dieser Ereignisse für
das demokratische Bewusstsein der Deutschen ging es gestern Abend beim Demokratieforum im Gewandhausfoyer.
"Wir feiern zwei Ereignisse", so Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), "die Sternstunden der
Demokratiegeschichte unseres Landes darstellen." Gast der traditionellen Veranstaltung, zu der erneut
hunderte Leipziger kamen, war auch Bärbel Bohley, die Gründungsinitiatorin des Neuen Forums: "Bei den
Bildern aus Leipzig ist uns damals ganz kalt geworden. Denn wir wussten, welche Stärke dieser Schritt
die Menschen gekostet hat, aber auch welche Stärke sie vermittelt haben", sagte Bohley. "Die Menschen
sind nicht wegen Bananen, sondern für ihre Selbstbestimmung auf die Straße gegangen." Ulrike Poppe,
Mitinitiatorin der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt: "Die Empörung hat sich an vielen Anlässen
entzündet." Das betonte auch der Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer, der an die Flucht- und
Ausreisewelle von 1989 erinnerte. "Es gingen so viele weg. Das war nicht mehr zu ertragen." Historiker
Arnulf Baring outete sich als der einzige Wessi auf dem Podium. Doch das stimmte nicht, wie der
Landtagsabgeordnete Heinz Eggert (CDU) sagte. Denn die Wiege von Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard
Jung (SPD) stand gleichfalls im Westen, auch wenn er, wie es augenzwinkernd hieß, inzwischen
"ossisiert" sei. "Der Dank der Westdeutschen für die Einheit muss den Ostdeutschen gelten", betonte
Baring. Theologe Ehrhart Neubert bedauerte, dass so wenige aus der Opposition eine angemessene
Würdigung und führende de Rolle im vereinten Deutschland gefunden haben. "Das wäre gerade in der
tiefen Krise, vor der unser Land steht, wichtig."
Stadtrundgang | Auf den Spuren des '89er Herbstes
"Wir wollen", so erklärt Irmtraut Hollitzer vom Bürgerkomitee Leipzig, "mit dem Stadtrundgang all
jenen mutigen Demonstranten ein Zeichen setzen, die 1989 auf die Straße gegangen sind." Die
65-Jährige führt am gestrigen Nachmittag Interessenten zu Schauplätzen der Friedlichen Revolution.
Am 9. Oktober vor 19 Jahren, so räumt sie ein, sei sie selbst zwar beim Friedensgebet dabei gewesen,
danach aber aus Angst nach Hause gegangen. Schließlich hatten die Sicherheitskräfte noch am 7.
Oktober nach einer Demo in Leipzig mehr als 200 Teilnehmer festgenommen.
Der Stadtrundgang beginnt an der Nikolaikirche. "Die Friedensgebete begannen nicht erst 1989",
erzählt Hollitzer den zwei Dutzend Teilnehmern. "Bereits 1982 hatte eine Leipziger Vorortgemeinde
einen Antrag an die Gemeinde der Nikolaikirche gestellt, die Friedensgebete darin abhalten zu
dürfen." Irmtraut Hollitzer berichtet von Überwachungskameras, die auf den Nikolaikirchhof
gerichtet waren, von Verhaftungen und Verhören in der Anfangszeit der Protestbewegung. Für
Bernhard Kinkel ist vieles davon neu. "Ich komme aus Frankfurt am Main", sagt der 38-Jährige.
"Aber wir hatten damals Bekannte in Thüringen und waren fast jedes Jahr in der DDR. An der
Grenze standen diese schwer bewaffneten Kontrolleure. Und wir hatten immer Angst, irgendwas
zu sagen", so Kinkel. "Wir wussten ja nicht, ob es richtig oder falsch war." Für ihn sei es
nun spannend, den Herbst 1989 bei diesem Rundgang nachzuempfinden. Am Augustusplatz hält
Irmtraut Hollitzer Fotos vom 9. Oktober hoch. Menschenmassen sind darauf zu erkennen. "Der
Staat hat mit 25 000 Demonstranten gerechnet", erklärt sie. "Am Ende waren es 70 000."
Bei Rap und Hiphop Demokratie versprühen
Kultusminister Wöller startet Graffiti-Wettbewerb / Sieger dürfen Hauswand
Geschichtserlebnis mit Spraydose und Hiphop: In Leipzig fiel gestern der Startschuss für die
Aktion "Demokratie versprühen". Der Graffiti-Wettbewerb soll auch helfen, die Wissenslücken
sächsischer Jugendlicher beim Thema DDR-Historie zu verkleinern. Anlass ist der 20. Jahrestag
der Friedlichen Revolution im kommenden Jahr. "Demokratie muss erlebbar sein, Erinnerung kann
man nicht verordnen", erklärte Sachsens Kultusminister Roland Wöller (CDU), der mit Leipzigs
Schulbürgermeister Thomas Fabian (SPD) in der Leipziger Außenstelle der Birthler-Behörde das
Vorhaben erläuterte. Organisatoren sind die drei sächsischen Außenstellen der Stasi-Akten-Behörde,
die Bildungsagentur, die Universität und der Graffiti-Verein Leipzig sowie die Gedenkstätte und das
Steinhaus Bautzen. Auch die Leipziger Volkszeitung ist als Partner mit im Boot. Bei der Aktion
geht es nicht nur um Graffiti, sondern auch um Rap und Hiphop. Die Musikstile sollen zum Lernen
anregen. Bei Fortbildungen werden Lehrer zunächst auf diese Kulturformen, denen Erwachsene oft
ablehnend gegenüberstehen, eingestimmt. "Hiphop gab es auch schon in der DDR. Konflikte mit dem
Staatsapparat blieben da nicht aus", erklärte Leonard Schmieding vom Bereich Fachdidaktik Geschichte
der Leipziger Uni. Lehrer und Sozialpädagogen werden angeregt, sich mit Hiphop damals und heute
zu beschäftigen und dieses Wissen für die Erziehung zur Demokratie zu nutzen. Die erste Fortbildung
gab es bereits. "Da haben wir sogar Sport- und Kunstlehrer erreicht, die noch nie bei so einer
Veranstaltung waren", erzählte Silke Klewin von der Gedenkstätte im Ex-Stasi-Knast Bautzen: Das
Projekt biete daher völlig neue Ansätze für "die relativ konservativen Bildungsstätten".
Schwerpunkt ist aber der Graffiti-Wettbewerb, der in Leipzig, Dresden, Bautzen, Plauen und
Chemnitz ausgetragen wird. Zur Teilnahme sind 14- bis 27-Jährige aufgerufen. Sie können sich
für je 30 Plätze in Workshops anmelden, in denen sie sich mit dem Thema SED-Staat und Friedliche
Revolution auseinander setzen. Anschließend haben sie die Möglichkeit, ihre Gedanken in
Graffiti-Motiven darzustellen. Die jeweils fünf Besten fahren nach Leipzig und besprühen
dort legal eine komplette Hauswand mit einer Fläche von mehr als 100 Quadratmetern in der
Zschocherschen Straße. Auch ein Sommerfest am 25. Juni 2009 ist geplant. Insgesamt können bis
zu 150 junge Sachsen in das Projekt einbezogen werden. Das möge wenig sein, räumte Wöller auf
Nachfrage ein. Er betrachte es aber als Mosaikstein und verspreche sich eine Modellwirkung.
"Das Projekt ist eine Möglichkeit neben vielen. An 'Jugend forscht!' nehmen auch nicht alle
Schulen teil", so Leipzigs Bildungsagentursprecher Roman Schulz.
Steinmeier erinnert an Mut und Wut
Vizekanzler spannt in der Nikolaikirche Bogen von der Finanzkrise bis zur Bürgerbewegung
Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) hielt in der Nikolaikirche die diesjährige Demokratierede
zum 9. Oktober. Im Anschluss gab es gestern das ebenso traditionelle Friedensgebet.
Erinnern und Gedenken an den Entscheidungstag der Friedlichen Revolution beginnen in der voll
besetzten Nikolaikirche, in der Frank-Walter Steinmeier die Leipziger Rede zur Demokratie halten
soll - mit Verspätung. Der Herr Außenminister stehe im Stau, wird verkündet. Als er dann doch da
ist, bleibt der Politiker bei seiner Ansprache zunächst ganz in der Neuzeit. Die weltweite
Finanzkrise treibt ihn um: "In Teilen unseres Wirtschaftssystems hat sich offensichtlich ein
rein wirtschaftliches Verständnis von Freiheit durchgesetzt." Man habe über die Verhältnisse
gelebt, ein solches Freiheitsverständnis gefährde die Grundüberzeugungen und den Zusammenhalt
der Gesellschaft.
Steinmeier schlägt geschickt den Bogen zur Friedlichen Revolution vor 19 Jahren. Der 9. Oktober
1989 müsse in der bundesweiten Erinnerungskultur eine größere Rolle spielen, denn, so der
Redner: "Hier haben die Bürger ihren Mut und ihre Wut zusammengenommen, haben Freiheit
und - man wusste es nicht - auch Leben riskiert für eine neue politische Zukunft. Wer am
9. Oktober in Leipzig ist, der spürt: Die Unterzeichnung eines Vertrages ist wenig gegen die
Kraft einer friedlichen Revolution." Vizekanzler Steinmeier vermag auf die Menschen einzugehen.
Das spürt auch die Rentnerin Ingeborg Kotré: "Es war eine gefährliche, aber auch eine euphorische
Zeit. Ich möchte sie in meinem Leben nicht missen. Die DDR war ein kranker Baum, der gefällt
werden musste", erinnert sie sich an 1989. Seine Demokratierede beschließt der Politiker mit
einer - wenn auch indirekten - Forderung nach einem Einheits- und Freiheitsdenkmal: "Aber 20
Jahre nach den Leipziger Demonstrationen stellt sich die Frage, ob diese Stadt nicht einen
Ort bleibender Erinnerung braucht. Ich würde es begrüßen. Leipzig hat es verdient." Es folgt
im erneut vollen Gotteshaus das Friedensgebet. "Gerechtigkeit erhöht ein Volk" heißt das
Thema. Die Predigt hält Superintendent Martin Henker. Als vor 19 Jahren 70 000 Menschen um
den Leipziger Ring zogen, war er als Jugendpfarrer von Dresden damit befasst, sich für 1300
Verhaftete und Vermisste einzusetzen.
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