Atemholen unterm Blattgold
Herbstspaziergang durch Grünau / Mit Einwohnern aller Altersgruppen im Gespräch
Einen Moment lang hält das Blatt in seinem Tiefflug an. Es scheint zu stehen in der klaren Luft. Zögernd
weicht es irgendwann der Schwerkraft, unterwirft sich dem Gesetz des Vergehens, reiht sich ein in den
bunten Laubberg am Fuße eines der Hochhäuser. Industrielle Montagebauweise. Es ist Herbst in Grünau. An
einem dieser Altweibermorgende haben die Geschwister Mary und Ricardo den Flug des Blattes verfolgt. Sie
wohnen hier, wo mancher nicht mehr wohnen mag: 46 000 Einwohner zählte der Stadtteil im Jahr 2007. Das
sind rund 40 000 weniger als zur Zeit seiner Gründung, die mit der Errichtung der ersten Wohnkomplexe
im Jahr 1976 ihren Anfang nahm.
"Aber prima Rampen gibt es hier. Willst Du mal einen Sprung sehen?", fragt Ricardo, der mit seinem
BMX-Rad verwachsen scheint. Wenn er groß ist, würde er am liebsten an der Olympiade teilnehmen. Bis
dahin möchte er in Grünau bleiben. "Ich mag den Stadtteil und in der Schule fühle ich mich aufgehoben",
erklärt er. Zu den Jungen, die das Viertel braucht, zählt auch Mary, die sich lieber auf Lebendiges
setzt. "Ich will unbedingt Pferdepflegerin werden", sagt sie. Öfter war sie schon auf einem Bauernhof
in der Umgebung zu Besuch, hat die ersten Reitversuche hinter sich. Weit hat sie es nicht, will sie
den Häusern entkommen, die wie ein Mahnmal eines vergangenen Aufbruchs in die Höhe ragen. Dem Aufbruch
aber folgte irgendwann der Abbruch. 5600 Wohnungen sind dem Rückbau mittlerweile zum Opfer gefallen.
Dennoch zeigt eine Intervallstudie zur Wohnzufriedenheit an, dass die Grünauer nicht unglücklich mit
ihrem Stadtteil sind.
Hildegard Pommer ist 93, ihr Mann Willy Eberius 96. Gemächlich blinzeln sie in die Sonne, genießen
den Anblick der Einkaufenden vor dem Alleecenter. Mit dem Einkaufszentrum kamen auch die Arbeitsplätze
in den Stadtteil, das Wohnviertel fing an, sich mit sächsischer Beharrlichkeit zu wandeln. "Die Kaufhalle
finde ich gut, da komme ich auch mit meinem Fahrzeug hin. Die Beine wollen ja nicht mehr", erklärt sie.
In der zehnten Etage zu wohnen, findet sie angenehm. "Einen schönen Ausblick hat man von dort." Aber
das mit den betrunkenen Jugendlichen vor der Kaufhalle ginge nicht so weiter, beschwert sie sich. Da
müsse man etwas dagegen unternehmen - eine Klage, die auch Oberbürgermeister Burkhard Jung bei seiner
letzten Bürgersprechstunde zu hören bekam. Doch die Stadt arbeitet daran. "Mir ist nicht bange um
Grünau", sagte der Stadtchef damals. Fährt man in einen dieser Wohnkomplexe und schaut in den
Wolkenhimmel, muss man ihm glauben, denn hier hängen die Wolken höher, sprechen von der kontinentalen
Platte, die sich immer weiter bis an den Ural erstreckt. Ohne Unterbrechung. Das macht beständig, da
tut man was. Viele sind ausgezogen und die Wiederkommenden zählen oft zu den einkommensschwachen
Haushalten. Doch Leipzig investierte: 30 Millionen Euro sind bereits zur Stärkung der Infrastruktur
investiert worden. Achmed, Sara und Tara sind die Kinder von Asual Didard. Er ist Kurde und sagt: "Ich
habe eine deutsche Frau geheiratet. Ich bin zu Hause hier." Kontraste. Der Schönauer Park liegt abseits
jeder Hektik, die Bäume produzieren an diesem Tag ein wenig "Indian Summer". Martin Bednarsky hat es
sich mit einem Buch auf der Wiese gemütlich gemacht. "Ich habe lange in Frankfurt am Main gewohnt",
erklärt der gelernte Elektriker. Als Fachkraft habe er auch hier Arbeit bekommen. "Ich bin froh, zurück
zu sein", sagt er bevor er den scharfen Blick lieber wieder in den Buchseiten verschwinden lässt.
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