Konflikt um Verkauf
Genossenschaften wollen in Grünau 739 Wohnungen veräußern / Stadt wünscht dagegen den Abriss
In Grünau bahnt sich ein Konflikt um die Zukunft von 739 Wohnungen an. Zwei Genossenschaften wollen
etliche Häuser verkaufen, die kurz vor Lausen im so genannten Stadtumbaugürtel liegen. Doch die Kommune
würde dort lieber abreißen lassen.
Ilse Lauter ist nicht nur Chefin der Linksfraktion im Leipziger Stadtrat. Seit 22 Jahren gehört die promovierte
Politikerin auch der Wohnungsgenossenschaft Unitas an. Deren Vorstand Hans-Dieter Thomas ist aktives CDU-Mitglied,
was vielleicht einige atmosphärische Störungen zwischen den beiden erklärt. Aber der Reihe nach. Vor drei
Wochen, so berichtet Lauter, wurde sie von aufgeregten Nachbarn um Hilfe gebeten. Es ging um die Zukunft
der Unitas-Blöcke in der Miltitzer Allee, in Schrammstein- und Basteistraße. Die Sechsgeschosser beherbergen
367 Wohnungen. "Meine Nachbarn erzählten mir empört, dass die Unitas die Häuser verkaufen oder abreißen
will."
Lauter sprach daraufhin dreimal mit Thomas. "Er war immer gleich sehr aufbrausend. Räumte aber schließlich
ein, dass die Genossenschaft die Häuser veräußern will, um sich wirtschaftlich zu sanieren. Auch könnten mit
dem Erlös andere Grünauer Bestände im Regenbogenviertel aufgewertet werden", erzählt sie. Letzteres bestätigt
Thomas auf Nachfrage der LVZ. Der Leerstand in den Blöcken kurz vor Lausen betrage mehr als 30 Prozent. "Deshalb
hatten wir schon 2005 versucht, die Häuser zu veräußern. Das untersagte damals jedoch die Stadt."
Die Unitas habe nun einen seriösen Käufer gefunden, der vor Jahren auch schon Bestände der Leipziger
Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB) übernahm. "Der neue Eigentümer würde die Häuser sanieren. Die Bewohner
könnten also in ihrem vertrauten Umfeld bleiben. Wenn der Verkauf nicht zustande kommt, müssten wir die
Blöcke abreißen und hätten keine Einnahmen", sagt Thomas. "Frau Lauter sollte aufpassen, dass sie ihr
politisches Mandat nicht für private Zwecke nutzt." Der Unitas-Vorstand hat offenbar kein Verständnis dafür,
dass sich die Fraktionschefin inzwischen an Baubürgermeister Martin zur Nedden (SPD) wandte. Dabei erfuhr
sie, dass Grundstücke im so genannten Stadtumbaugürtel nur mit Erlaubnis der Kommune verkauft werden dürfen.
Lauter: "Das hatte der Stadtrat mit der Strategie Grünau 2020 so beschlossen, obwohl dieser Punkt den meisten
Stadträten sicher nicht klar war." Die Kommune besitze nun ein Vorkaufsrecht, um ihre Abbruchziele im
Umbaugürtel zu erreichen. Zur Nedden, der in den letzten Tagen auf Dienstreise war, habe ihr bestätigt,
dass die Kommune in diesem Teil des Wohnkomplexes (WK) 8 lieber Abrisse oder einen Teilabriss sähe.
Auf keinen Fall wolle die Stadt Verkäufe an Billiganbieter gestatten, die nicht sanieren, aber die Häuser
mit Dumpingmieten füllen. Warnendes Beispiel dafür ist das Schicksal des Elfgeschossers in der Zingster
Straße 12 bis 30, den die Genossenschaft Wogetra vor sechs Jahren verkaufte. Den dortigen Mietern von 427
Wohnungen wurde später mehrfach das Abstellen von Fernwärme oder Wasser angedroht. Am 18. August steht das
Objekt zur Zwangsversteigerung, berichtet der Zwangsverwalter Michael Hawelka. Sowohl Unitas-Chef Thomas
als auch sein Vorstandskollege Gerhard Seydewitz von der Vereinigten Leipziger
Wohnungsgenossenschaft (VLW) versichern hingegen, ihre Bestände im WK 8 nur an sanierungswillige
Investoren abgeben zu wollen. Bei der VLW sind es 372 Wohnungen, die in der Pfaffensteinstraße und
Miltitzer Allee liegen, direkt neben den Unitas-Gebäuden. "Bei uns beträgt der Leerstand etwa 70
Prozent", erläutert Seydewitz. "Wir verhandeln mit einem Käufer, der sehr gut in das städtische Konzept
passt."
Bis zum 30. Juni will die Kommune ihre Entscheidung den Genossenschaften mitteilen. Lauter kann sich
angesichts der leeren Stadtkasse nicht vorstellen, dass das Vorkaufsrecht genutzt wird. "Ich habe mich
schon gegen die Privatisierung der Stadtwerke eingesetzt. Warum sollte sich eine Politikerin nicht auch
gegen die Privatisierung oder den Abriss von Wohnungen engagieren, nur weil sie seit 22 Jahren in einem
der Häuser lebt?"
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