Zu ihrer letzten Fahrt läuft die einstige Hafenbarkasse "Geschwister Scholl" am morgigen Sonnabend gegen
10 Uhr am Kulkwitzer See aus. Wenig später soll sie auf dem Grund des Sees ihren endgültigen Liegeplatz erreichen.
Dort wird das Wrack künftig Sporttauchern aus ganz Deutschland als attraktives Unterwasserziel
und Fotomotiv dienen.
Mitglieder des Landesverbandes Sächsischer Philatelistenvereine haben aus Anlass der Schiffsversenkung
unter dem Motto "Neuzugang im Unterwasserpark" eine so genannte philatelistische Ganzsache aufgelegt - einen
Briefumschlag samt 55-Cent-Marke, auf dem unter dem Stichwort "Neuzugang im Unterwasserpark" ein
Konterfei der einstigen Barkasse zu sehen ist.
Ort des Geschehens ist die Taucher-Einstiegsstelle E III in der Nähe des Campingplatzes. Dort wird das
rund 14 Meter lange Schiffswrack mit Unterstützung eines Teleskopkranes der Bundeswehr ins Wasser
gehoben und anschließend auf den See hinaus geschleppt. "Die Realisierung des Vorhabens nahm viele
tausend Arbeitsstunden in Anspruch", erklärt Reinhard Gräfe von der Tauchschule Delphin, der die
Idee zu dieser Schiffsversenkung hatte. Unterstützung erhielt er von Mitgliedern des Tauchsportvereins
"Leipziger Delphine", die in ihrer Freizeit über Monate hinweg am Wrack arbeiteten.
"Schließlich konnten wir nicht einfach ein tonnenschweres Schiff im See versenken", betont Gräfe.
"Ehe es soweit war, musste der gesamte Rumpf gründlichst gereinigt und von allen Einbauten
befreit werden."
Ehe sie an den Kulkwitzer See kam, hatte die alte Barkasse bereits eine wechselvolle Karriere
hinter sich. Sie schipperte zunächst im Dienst der DDR-Volksmarine über die Ostsee. Da sie sich
als wenig salzwasserfest erwies, kam die "Geschwister Scholl" nach Dresden und befuhr über
Jahrzehnte fast alle Binnenwasserstraßen der DDR. Zur Generalüberholung an Land gebracht, wurde
sie ein Opfer des Jahrhunderthochwassers und weckte - in ihrem desolaten Zustand zufällig
entdeckt - die Begehrlichkeiten der Leipziger Taucher. Wenn der Bootskörper am Sonnabend unter
den Augen vieler Zuschauer, Fotografen und Kamerateams auf rund 20 Meter Tiefe gesunken sein
wird, bleibt er an Land in Gestalt einer postalischen Rarität verewigt. Mitglieder des
Landesverbandes Sächsischer Philatelistenvereine haben für die Versenkung eine Ganzsache
angefertigt. "Wir haben dafür einen Plusbrief verwendet und ihn in Leipzig mit einem Zudruck
versehen lassen", erläutert Peter Girlich, der Vorsitzende des rund 1600 Mitglieder zählenden
Verbandes. Ähnliche Sammlerstücke legte der Verband unter anderem aus Anlass des
Jubiläums "1000 Jahre Wahren", sowie zur Hilfe für Hochwasseropfer auf.
Der "Versenkungsbrief" wird am Sonnabend vor den Augen der Zuschauer mit einem so genannten
"Zustempel" versehen werden, auf dem der Text "1. Schiffsversenkung im Kulkwitzer See" zu
lesen ist. Wer die seltene Ganzsache mit der Post verschicken will, muss sie am See nur
adressieren. Die Philatelisten kümmern sich anschließend darum, dass die Briefe bei der
Deutschen Post noch mit dem passenden Tagesstempel versehen werden, ehe sie auf Reisen
gehen.
Auf einen Stempel ganz anderer Art können sich die Taucher freuen, die sich am Sonnabend
im Kulkwitzer See auf die Suche nach der neuen Attraktion im Unterwasserpark machen. Sie
erhalten nach dem Tauchgang in ihre Logbücher einen dreifarbigen Sonderstempel, den
Reinhard Gräfe selbst entworfen hat.
• Nähere Informationen unter www.leipziger-delphine.de
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