Stadtumbau: Grünau will Perspektive
In Grünau sollen ab 2005 fast alle Fördermittel für bauliche Verbesserungen wegfallen. Die entsprechenden
Pläne des Rathauses stoßen vor Ort jedoch auf heftige Gegenwehr. Bürgervereine, Beiräte und Initiativen
haben sich jetzt auf drei zentrale Forderungen geeinigt. Durch sie soll der Stadtteil wieder eine bessere
Perspektive erhalten.
Ein LVZ-Artikel vom 8. Oktober war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Unter der Überschrift "Rathaus streicht beim Stadtumbau" erklärte Amtsleiter Karsten Gerkens, dass es ab 2005 "praktisch gar kein Geld mehr" für Grünau geben werde. Grund sei die Finanznot der Kommune.
"Bei uns wohnen immer noch mehr als 50000 Leute, also jeder zehnte Leipziger", hält nun Peter Neubert vom Bürgerverein Grünau dagegen: "Viele fühlen sich von der Stadt nicht mehr vertreten." Die Einstellung der Straßenbahnlinie 13 sei ein negatives Signal gewesen. Auch der Wegfall der Bürgerbeteiligung über das "Forum Grünau", ergänzt Marion Drya vom Beirat im Wohnkomplex (WK 7). Lehrerin Bärbel Schenkel beunruhigen die Einschnitte im Schulbereich.
Am schlimmsten aber seien die unklaren Abrisspläne bei Stadt und LWB, so Monika Nöcker vom Beirat im WK 4. "Mit dem Abriss von 15 Hochhäusern haben wir schon viel ertragen. Doch immer wieder räumt die LWB neue Häuser leer, ohne was Genaues mitzuteilen." Auch andere Großvermieter kümmerten sich nicht um den Stadtentwicklungsplan (STEP), sondern täten nur, was für sie wirtschaftlich am besten ist, so Sigrid Juhrau vom PDS-Ortsvorstand.
Andreas Halle vom Bürgerverein ärgert sich, weil die WK 7 und 8 zwar formal zu Sanierungsgebieten erklärt wurden: "Doch im Haushaltsplan steht dafür kein Cent." Zurzeit könne man die Rücksichtslosigkeit gegenüber den Bewohnern vor Ort besonders gut im Jupiterzentrum beobachten, meint Petra May. Dieser Platz wurde vor vier Jahren für 700 000 Euro komplett neu gestaltet. "Aber jetzt reißt die Wogetra ausgerechnet den Teil des Elfgeschossers ab, der genau an den teuren Platz grenzt. Die Bodenskulptur Sonne ist kaputt und wird wohl nie mehr repariert."
Um die wichtigsten Probleme anzupacken, haben sich ein Dutzend Initiativen auf drei Forderungen geeinigt. "Wir brauchen wieder eine Form des regelmäßigen Gesprächs zwischen Stadt, Vermietern und Einwohnern", erklärt Evelyn Müller vom Komm-Verein. Wie wichtig das ist, habe sich am Dienstagabend gezeigt. Bei einer Veranstaltung am Jupiterzentrum versprach die Wogetra eine gute Lösung für die Gestaltung ihrer dortigen Teilabrissfläche. Zweitens müsse die Stadt zumindest einen geringen Betrag für Grünau im Haushalt verankern. Dieses Geld lasse sich auch durch Aufwertungsmittel im Bund-Länder-Programm "Stadtumbau Ost" bestreiten. Drittens wollen die Initiativen an alle großen Wohnungsgesellschaften herantreten. Sie sollen sich finanziell an dem Eigenkapital beteiligen, das zur Nutzung von EU-Programmen nötig ist.
Chefplaner Engelbert Lütke Daldrup zeigte sich gestern in allen Punkten aufgeschlossen. In wenigen Tagen werde das Baudezernat einen Bericht zu den ersten drei Jahren STEP vorlegen. "Die Erfahrungen daraus müssen in die weitere Gestaltung Grünaus einfließen." Das Rathaus wolle auch deshalb ein neues Gesprächsforum schaffen. "Beim Haushalt haben drei Fraktionen eine Aufstockung der Mittel für den Stadtumbau beantragt. Sollte sich dafür eine Mehrheit finden, würde das auch Grünau helfen."
Standpunkt von Jens Rometsch - Vernünftiger Neuanfang
Der Aufstand der Grünauer Initiativen ist richtig. In kaum einem anderen Stadtteil gibt es eine so lange und so gute Tradition der Bürgerbeteiligung wie in dem nach wie vor größten Leipziger Neubaugebiet. Dieser Trumpf wurde jedoch in den vergangenen Monaten mit Füßen getreten. Die Gründe dafür waren verständlich: Auf allen Seiten herrschte enormer Frust, weil die Sächsische Aufbaubank auf einen Schlag alle Träume von teuren Aufwertungsmaßnahmen platzen ließ. Seither gibt es fast nur noch Geld für Abrisse - und viele Leute stehen als wortbrüchig da.
Dennoch ist es das einzig Vernünftige, nun auf kleinerer Flamme einen gemeinsamen Neuanfang zu versuchen. Es spricht für die Vereine, dass der Anstoß dazu von ihnen kommt und weitgehend realistische Vorschläge enthält. In Grünau wurde in den vergangenen Jahren so viel Geld investiert, dass die Infrastruktur heute größtenteils ausgezeichnet ist. Die kleineren Probleme sollten sich auf dieser Basis auch lösen lassen.
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