Nur ein paar Meter, denk' ich. Wird schon alles nicht so schlimm werden. Dann baut sich die 8,50 Meter
hohe Kletterwand vor mir auf - und mit ihr mein Puls, der an der 200er-Grenze zu schlagen scheint. "Ganz
ruhig bleiben." Die Stimme von Trainerin Maria höre ich von ganz weit weg -mein Herzschlag dominiert
momentan meine Wahrnehmung.
Allein das Anlegen der Sicherheitskleidung, die im Klettergarten am Kulkwitzer See Vorschrift ist, erweist sich als eine Wissenschaft für sich. "Durch diese Schlaufe hindurch und dann hochziehen", gibt mir Maria Anweisungen. Alles klar, jedenfalls anfangs. Dann stockt's. Vielleicht hätte ich doch etwas weniger frühstücken sollen? "Hier geht's weiter zu stellen." Die Rettung. Doch das nächste Problem bahnt sich bereits an: der Helm. Überraschenderweise passt die rote Plasteschale schließlich ganz gut auf meinen Schädel. Wobei ich mich mittlerweile frage, ob's nicht besser wäre, wenn er nicht passte. Denn nun geht es los.
Die 21-jährige Maria legt sich ebenfalls einen Gurt an und klinkt die Seile ein. Moment mal, das kann doch nicht ihr Ernst sein, denke ich. Sie mit ihren höchstens 50 Kilos Gewicht will mich mit meinen, nun etwas mehr Pfunden, halten? "Nur beim Runterkommen nicht voll in die Seile legen, dann hebt es mich aus", gibt die Trainerin eine kleine Einweisung. Ans Abseilen ist allerdings noch gar nicht zu denken. Vorher muss ich schließlich erstmal nach oben - und das trotz Höhenangst. "Ich hatte damit vor meinem Trainerlehrgang auch Probleme", sagt Maria.Offensichtlich versucht sie mir Mut zu machen. Nett gemeint, aber wenig wirksam. Die Wand scheint noch immer unbezwingbar.
Doch, wer nicht wagt, der nicht gewinnt, denk' ich und steig' auf die erste Stufe. Noch sind die Sprossen breit. Erst weiter oben werden sie schmaler und unhandlicher. Aber daran will ich momentan noch gar nicht denken. Die ersten 20 Zentimeter sind geschafft - von 850, wohlbemerkt. Neben dem eigentlichen Klettern, was wie ich übrigens schnell bemerke, sehr viel Kraft beansprucht, muss ich mir auch permanent überlegen, wie ich die nächste Stufe erreiche. Zeit über die Höhenangst nachzudenken, bleibt eigentlich keine. Dennoch, von Stufe zu Stufe wird's mir mulmiger. "Die rote Strecke ist die einfachere", ruft mir Maria von unten zu. Mittlerweile bin ich bei etwa drei Metern angelangt, dort wo die breiten Sprossen aufhören und die kleineren beginnen. Meine Knie zittern. Dennoch wage ich einen Blick nach oben und einen nach unten.
Neben mir macht sich eine Comedy-Gruppe an der Himmelsleiter zu schaffen. Acht Meter ist sie hoch - durch Sprossen zu erklimmen. "Mich kriegen keine zehn Pferde dort hinauf", stellt Helmut Kolar schnell klar. "Wenn ich schon sehe, wie das wackelt, nee." Ich kann den Frankfurter bestens verstehen. Auch der Boden unter meinen Füßen beginnt zu schwanken. Sind das meine weichen Knie oder ist das etwa der Wind? Ein verängstigter Blick zu Maria, doch die lacht immer noch.
Bei den zehn Herren neben mir haben's Andreas Flettner und Patrik Rummel mittlerweile geschafft. Mit vereinten Kräften sind sie bis auf die oberste Sprosse der Leiter gekommen. "Mein Puls lag bei 300", scherzt Werkzeugmechaniker Rummel. Ähnlich wie bei mir also. Mit dem Unterschied, dass der Frankfurter schon wieder unten ist und ich noch an der Wand hänge. Langsam verlassen mich Mut und Kräfte. Ich spüre Muskeln, von denen ich noch nicht einmal wusste, dass sie existieren. Am allermeisten spüre ich jedoch mein Herz pochen. Noch eine Stufe, dann siegt doch die Angst vor der Höhe. Langsam setze ich mich in den Gurt und laufe an der Wand hinunter. Sechs Meter -und am Ende zittern meine Arme und Beine auf dem Boden mehr, als an der Kletterwand.
|