Naturschützer wollen Jagd auf Wintergäste verhindern

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Rund 30.000 nordische Bless- und Saatgänse überwintern Jahr für Jahr im Südraum Leipzig. Unter ihnen sind auch geschützte seltene Arten. In den Tagebau-Gewässern und auf den Äckern rundherum finden sie fast ideale Voraussetzungen - wenn nicht Jäger immer wieder auf die anfliegenden Tiere schießen würden. Der Naturschutzbund Sachsen hat jetzt eine Initiative gestartet, um die Jagd auf die Wintergäste zu stoppen.

Uta Klappach sieht genau hin. Durch ihr Spezialfernglas beobachtet die Hobby-Ornithologin, wie die Gänse am frühen Abend in den Hainer See nahe Espenhain einschweben. "Hören Sie auch mal", empfiehlt Naturschutzführer Harald Krug. "Die hellen, jubilierenden Laute stammen von den Blessgänsen." Die Saatgänse würden hingegen eher dumpf und nasal klingen, "Kajak" imitiert Krug den Ruf der Tiere.

Rund 30 Gäste sind dem Angebot der Ökologischen Station Borna-Birkenhain gefolgt, um den Einflug der Wintergäste zu beobachten. "Vor drei Wochen waren es sogar 62 Teilnehmer", ist Krug stolz. In Keil- und Kettenformation schweben die Tiere ein, suchen sich ihren Schlafplatz für die Nacht, um am nächsten Morgen wieder Futter auf den winterlichen Feldern bis rauf nach Halle zu suchen. Dass die Tiere Schaden anrichten könnten, lässt Krug nicht gelten. "Das wird oft übertrieben. Der Verbiss regt die Pflanzen im Gegenteil zum Wachsen an", sagt er. Früher habe man deshalb sogar Schafherden über die Winterfelder geschickt.

"Die Tiere haben rund 2000 Kilometer Weg in den Schwingen, wenn sie hier bei uns landen", erläutert der Naturschützer. Rund 30.000 Tiere seien derzeit im Südraum Leipzig zu Gast. Seit den 60er Jahren kehren sie winters immer wieder ein, "zu Spitzenzeiten hatten wir schon 60.000 Tiere hier", weiß Krug. Im Frühjahr würden sie sich dann wieder aufmachen, in den kargen Tundren Skandinaviens zu brüten. Das knappe Nahrungsangebot dort verhindere, dass die Tiere sich stark vermehren. "Es gibt Jahre, wo nicht ein Jungvogel groß wird", erzählt der Chef der Südraum-Gruppe des Naturschutzbundes Sachsen.

Verona Herzschuh hat ihre beiden Kinder Tina und Friedrich zu der Erkundungs-Tour mitgenommen. "Ich war ganz überrascht, als ich das erste Mal von den Gänsen im Tagebau hörte", erzählt sie. Sie habe sofort an einer Führung teilnehmen wollen, "aber es war alles voll." Kein Wunder für Krug: "In Niedersachsen haben clevere Landwirte längt den Wert der Attraktion erkannt und karren Ausflügler mit Bussen in die Einflugschneisen der Gänse." Und inMecklenburg-Vorpommern sei die Kranichzeit inzwischen auch für den Tourismus interessant geworden.

Im Südraum werde hingegen auf die Vögel geschossen. Krug hat haufenweise Berichte von Naturschützern auf seinem Tisch, die von Schüssen auf die anfliegenden Tiere erzählen. Die Jagd auf sie ist in Sachsen, anders als in anderen Ländern, auch nicht verboten. "Aber in der Dämmerung oder am frühen Morgen sind die Tiere gar nicht zu unterscheiden für den Jäger", klagt Krug. Und auch geschützte Arten wie die Kurzschnabelgans seien darunter. "Da kann dann ein Schuss schon katastrophale Folgen für die ganze Population haben." Die Ökologische Station und der Naturschutzbund haben nun eine Unterschriftenaktion gegen den Abschuss der überwinternden Tiere gestartet. Krug: "Wir wollen, dass die nordischen Saat- und Blessgänse aus der Liste der jagdbaren Tiere verschwinden", fordert Krug. "Gegen den Zugvögelmord an unseren Singvögeln in Norditalien sind viele. Aber wenn wir die Jagd auf die Gänse weiter zulassen, sind wir genau so schlimm."
Leipziger Volkszeitung - Jörg ter Vehn [10.12.2003]
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