Die Siebenjährige rutscht von der Luftmatratze, mitten im Kulkwitzer See. Nur mühsam hält sie sich über Wasser
Rettungsschwimmer an Land bemerken ihre Hilferufe, wollen dem Mädchen zur Hilfe eilen - und müssen statt zum
Außenbordmotor zu Paddeln greifen. Ein Szenario, das in der nächsten Saison Realität werden kann. Denn die Stadt
verlangt von der Wasserwacht einen umweltfreundlicheren Motor. Die Helfer aber haben kein Geld.Unlängst erhielten
die Rettungsschwimmer Post vom Umweltamt der Stadt Leipzig. "Aus dem Behördenschreiben geht hervor, dass wir den
See nur noch dieses Jahr mit unserem Zweitakt-Motor befahren dürfen. Die bestehende Ausnahmegenehmigung wird
nicht verlängert", gibt Rettungsschwimmer Marcel Knabe den Inhalt der unerfreulichen Post wieder.
Nicht wenig Zynismus schwingt in den Worten des 24-jährigen Geographiestudenten mit, der am See freiwillig Dienst schiebt. "Nur mit einem umweltverträglichen Viertakt-Motor ist es uns ab 2004 gestattet, Menschen aus einer Notlage zu retten." Ein angemessener Viertakt-Außenbord-Motor würde die zum Deutschen Roten Kreuz gehörende Wasserwacht knapp 5000 Euro kosten. "Eine solche Anschaffung ist bei unserem vergleichsweise winzigen Jahresetat von 6000 Euro einfach nicht drin", gibt Marcel Knabe zu. "Wir werden wohl rudern müssen."
Christian Conrad, Strandbetreiber am Kulkwitzer See, hält wenig von dieser Idee: "Die Sicherheit der Badegäste muss an erster Stelle stehen. Ich meine, das Umweltamt sollte diese Forderung nochmals überdenken." Im gleichen Atemzug räumt Conrad auch mit Zweifeln der Rettungsschwimmer an einer Erneuerung des Einjahreskontraktes auf: "Wenn es nach mir ginge, dann würden wir den Vertrag auch im kommenden Jahr zu den aktuellen Konditionen beibehalten. Ich hoffe, die Wasserwacht sieht das genauso."
Das bleibt abzuwarten: Denn im Gegensatz zu den überschaubaren finanziellen Mitteln der Retter steigt die Zahl der Einsätze auf der 115 Hektar großen Wasserfläche, an der sich pro Jahr eine halbe Million Badegäste tummeln - der Sicherheitsaufwand wird immer größer. Knabe schaut im Dienstbuch des 28 Jahre alten Wachturmes nach. "Im vergangenen Jahr hatten wir innerhalb der Badesaison 53 Einsätze protokolliert. 2003 haben wir bereits Mitte August eine Zahl von 63 erreicht. Der überwachte Badebetrieb läuft am Ende des Monats aus, danach ist Schluss für dieses Jahr."
Außerhalb der Sichtweite der Retter passierten die beiden schlimmsten Fälle des Jahres 2003: Im Mai, also noch vor Eröffnung der Badesaison, starb ein Tauchschüler im Kulkwitzer See. Ende Juli erstickte eine junge Frau an Lebensmittelresten, die sich in ihrer Luftröhre verfangen hatten - jede Hilfe kam zu spät. "Das war ein sehr tragischer Fall", gibt Marcel Knabe mit trauriger Stimme zu, "und es ist sehr schlimm, dass wir ihr nicht mehr helfen konnten."
Hilfe brauchen die Retter in puncto Geld selber. Von den 6000 Euro, die Christian Conrad für die Dienste der Lebensretter zahlt, werden die Kosten des ganzen Jahres bestritten. "Das schließt Benzin fürs Boot, Strom, Telefon und alle Verbrauchsmaterialien mit ein", zählt Knabe auf. "Selbst den Sonnenschirm haben wir aus diesem Topf bezahlt. Alles zusammen schlägt mit 1500 Euro zu Buche." Von den restlichen 4500 Euro werden die in Wasserrettung und erweiterter Erster Hilfe ausgebildeten Kräfte bezahlt. "Das ergibt eine stündliche Aufwandsentschädigung von 3,50 Euro pro Person", rechnet Knabe vor. Wenig Geld für immense Verantwortung.
Die Zahl der Sonnenhungrigen am einzigen noch bewachten Abschnitt des Kulkis schätzen die "Wasserwächter" an den glutheißen Wochenenden des Sommers auf knapp 3000 pro Tag. "Bei einer solchen Menschenmasse passiert erfahrungsgemäß immer etwas", gibt Marcel Knabe zu bedenken. Und mit nur drei Mann Turmbesatzung pro Schicht können die Seeretter ihre Augen nicht überall haben.
|