Eigentlich sollte der Gaststätten-Kahn "Dschunke" am 1. Dezember wieder flott sein. Doch
davon ist am Kulkwitzer See inzwischen keine Rede mehr. Gerade zog sich der potenzielle
Betreiber aus dem Vorhaben zurück. Statt chinesischer solls nach dem Willen von Schiffseigner
Wolfgang Kaiser jetzt italienische Küche sein - Penne statt Peking-Ente sozusagen. Seine
Hoffnung setzt der Besitzer dabei auf einen Nachbarn. Der einstige Saalekahn "Frieda" ist an
jähe Veränderungen gewöhnt. 1972 wurde das betagte Schiff in drei Teile zerlegt, über Land
an den Kulkwitzer See transportiert, dort zusammengeschweißt und ein Jahr später als "MS Leipzig"
getauft. Nach der Wende wurde daraus die "Dschunke". Über Jahrzehnte hinweg galt das Schiff
als Wahrzeichen des Erholungsgebietes am Kulkwitzer See. Nachdem Ende März ein Brand im Rumpf
gewütet hatte, schrieb der Zweckverband Erholungsgebiet Kulkwitzer See (ZEG) das
Wahrzeichen zum Verkauf aus. "Der Wiederaufbau würde trotz Versicherung unsere
Möglichkeiten übersteigen", begründete ZEG-Geschäftsführer Andreas Berthold damals diesen Schritt.
Den Zuschlag erhielt Immobilien-Profi Wolfgang Kaiser, der in der Region durch Objekte wie die
Connewitzer "Südbrause" oder das "Glashaus" im Clara-Zetkin-Park bekannt ist.
Am 12. September wurde der Verkauf des Schiffes nebst einem bis zum See reichenden Grundstück
notariell beurkundet. "Im Vertrag ist die Nutzung als ganzjährig betriebenes Spezialitätenrestaurant
verankert", betont Berthold. Noch vor wenigen Tagen gingen sowohl Besitzer Kaiser als auch der ZEG
davon aus, dass bei der geplanten Wiedereröffnung am 1. Dezember der bisherige Betreiber der
"Dschunke" mit im Boot sitzt. Doch China-Gastronom Li stieg jetzt aus. Kaum, dass ZEG-Chef
Berthold in der vergangenen Woche von "Problemen und Verständigungsschwierigkeiten zwischen
Investor und Betreiber" gesprochen hatte, zog sich Letzterer aus dem Vorhaben zurück. "Offensichtlich
hat Herr Li Angst vor der Dimension der Außengastronomie bekommen, die Teil des Pachtvertrages ist",
glaubt Kaiser. Der künftige Außenbereich soll bis zum Seeufer reichen. Zurzeit entsteht am Rumpf
des Kahns, der gewissermaßen per Kaiser-Schnitt geöffnet wird, ein großer Wintergarten. "Ich bedaure
die Absage. Das neue Konzept hätte Herrn Li große Chancen eröffnet."
Seinen Zeitplan sieht der Schiffseigner trotz der neuen Situation nicht gefährdet. "Der
Wiederaufbau befindet sich in der Endphase", sagt Kaiser. "Das künftige Spezialitätenrestaurant
könnte auch ein Italiener sein." Sein Favorit heißt Thomas Schlag und ist Betreiber der nur
wenige Meter von der Schiffsgaststätte entfernten "Partytonne". Schlag, dessen eigenes
Vorhaben zum Neubau einer modernen "Tonne" ins Stocken geraten ist, prüft gegenwärtig die
ihm unterbreitete Mietofferte. Ihm schwebe vor, am neuen Standort "deutsche und italienische
Küche" anzubieten und dem See durch große Veranstaltungen zu mehr Publikum zu verhelfen.
Allerdings sei der geplante Eröffnungstermin nicht zu halten. Schlag hält "frühestens Ende
Februar" für realistisch.
Meinungen
Kahn braucht komplette Crew - von Andre Dreilich
Dass die alte "Frieda" nach drei Jahrzehnten der Ruhe unter anderem Namen wieder in turbulentes Fahrwasser geriet, ist eine der Unabwägbarkeiten, die in der Schifffahrt an der Tagesordnung sind. Doch der Brand, der das Aus für Glasnudeln und Frühlingsrollen mit sich brachte, sollte als Chance verstanden werden. Mit frischem Geld aus des Kaisers Schatulle kann die "Dschunke" zu neuen gastronomischen Ufern starten und sich vom Wahrzeichen des Sees zu dessen kulturellem Mittelpunkt mausern.
Allerdings sollte der Zeitpunkt der Jungfernfahrt mit Bedacht gewählt werden. Ganz gleich, wer künftig in Kombüse und Messe das Sagen hat, ob die Mannschaft nach chinesischen, italienischen oder deutschen Rezepten kocht - erst wenn die Betreiber Crew komplett angeheuert hat, kann der Kahn wieder an Fahrt gewinnen. Dafür muss der Kapitän, der zugleich auch der Zahlmeister ist, Verständnis haben.
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