Die Invasion der Junggesellen

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Trotz immer mehr Kothaufen und Federflug- die Leipziger stehen zu ihren gefiederten Freunden Markranstädt

Wann immer sich in diesen Tagen jemand an den Ufern des Kulkwitzer Sees blicken läßt, beobachten ihn tausende Augenpaare. Scharenweise schwimmt das Federwild herbei, um zu prüfen ob da jemand Futter bringt . Diese Anziehungskraft sowie der Wunsch den Tieren zu helfen, treibt seit Jahren Jung und Alt mit Brottüten an den See. "Ich sehe das gar nicht gern", sagt der Geschäftsführer vom Erholungsgebiet, Uwe Dörling. Die Tiere werden dadurch verwöhnt und verschmutzen außerdem den Strand und den See über Gebühr". Anders sieht das der Ornithologe Dietmar Heyder: "Wenn die Leute einmal mit dem Füttern angefangen haben, sollten sie es nun auch weiter tun".

Eine Oase am Rande der Großstadt ist der Kulkwitzer See nicht nur wegen seiner vielen Freizeitmöglichkeiten. Auch die Tierwelt wird üppiger- ein Grund für viele Naturfreunde, den See aufzusuchen. Daß sich auch das Federwild dort wohl fühlt, beweisen zahlreiche Brutpaare, die ihren Nachwuchs dort großziehen. Zehn Haubentaucherpaare gehören dazu, zwei Höckerschwanpaare, zwanzig Blässrallenfamilien und einige Stockenten.

Nach der Brutzeit lassen sich im Herbst viele gefiederte Gesellen bei ihnen nieder, wenn sie Station auf ihrer Winterwanderung machen. Bis zu 2000 Blässrallen zählte Dietmar Heyder in manchem Winter, dazu 40 Höckerschwäne, 200 bis 300 Stockenten sowie fast 7000 Lach-, Sturm- und Silbermöwen. Ein Phänomen sei es, daß sich immer öfter Schwanen-Junggesellen den See als Mauserplatz aussuchen, meint Heyder.

Die Zutraulichkeit der gefiederten Freunde zieht jung und alt in ihren Bann. "Besonders für die Kinder ist dieser enge Kontakt von großem erzieherischem Wert", sagt Heyder. Daß der Kot der Vögel als Salmonellenüberträger gefährlich sei, wie es Uwe Dörling befürchtet, bestätigt Heyder nicht. "Ich habe allerdings auch noch keine Untersuchungen mit positiven Ergebnis darüber gesehen", räumt der Vogelexperte ein. Mit der Fütterung sei das so eine Sache. "Ursprünglich ernähre sich das Federwild von Pflanzen. Auf diese Weise wandeln die Tiere immerhin Biomasse des Sees in Energie um. Geschieht das nicht, wie im Auensee, kippt der See um, ist scheintod", sagt Heyder.

Bei Kiesgruben würde davon ausgegangen, daß ihre Wasserqualität nach etwa 60 Jahren nachläßt, sofern die Biomasse nicht abgebaut werde. Aus dieser Sicht seien die Wasservögel durchaus von Nutzen. Auf der anderen Seite stehe nun jedoch der Mensch, der mit seinem Futter in den natürlichen Kreislauf eingreife. Er trage dazu bei, daß sich die Vögel rasch an die bequemen Mahlzeiten gewöhnen und verhindere gleichzeitig deren natürliche Auslese". Wenn bei Minusgraden aber die Schwächsten erfrieren, würde im nu der Ruf laut, weshalb sich niemand um die Tiere kümmert", sagt Heyder. Deshalb sei es besser, die Vögel auch künftig zu füttern. Allerdings weder mit Gesalzenem, noch Verschimmelten oder anderen schwer verdaulichen Lebensmitteln, warnt der Ornithologe. "Hartes Weißbrot oder Brötchen sind am geeignetsten".

Falls in den nächsten Monaten trotzdem mal ein Spaziergänger ein verendetes Tier findet, sollte er es auf keinen Fall mitnehmen. "Wer sich traut, könnte jedoch mal mit einem Auge auf die Beine nach Vogelringen schauen und die Nummer, den Fundort und das Datum der Vogelwarte Hiddensee mitteilen", bittet Heyder, der im vergangenem Jahr selbst 4500 Tiere rund um Leipzig beringte. "Diese Informationen geben den Wissenschaftlern wichtige Aufschlüsse über die Lebensweise der Vogelarten.
Leipziger Volkszeitung - Cornelia Lachmann [23.11.1994]
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