Seit 1981 lebe ich in Grünau, und noch immer lebe ich sehr gern in Grünau, wenn sich die Gründe dafür sicher
auch geändert haben. Damals war es die Tatsache, endlich eine Wohnung mit Bad, Fernheizung und warmen Wasser
zu erhalten. Wie es um das Haus herum aussah, war erst in zweiter Linie wichtig.
Heute sehe ich vor allem, dass Grünau seinen Namen zu recht trägt, immer mehr Grün ist dazugekommen. Durch
die kurzen Wege und die intakte Infrastruktur kann man in Grünau auch gut ohne Auto auskommen. In Grünau
muss ich nicht in die leeren Fensterhöhlen vergammelter Altbauten schauen, von denen ab und zu mal einer
zusammenrutscht und die Straße sperrt. Auch die Graffiti-Seuche bewegt sich in Grenzen.
In Grünau findet jeder Anlaufpunkte für seine Interessen. Jeden Monat stehen im Grün-AS zwei Seiten voller
Angebote und Tipps, von der Volkshochschule bis zum Gottesdienst. Ich jedenfalls habe dadurch viele
Anregungen, Bekannte und Freunde gefunden.
Wir, die wir schon lange in Grünau wohnen und diese Vorteile nutzen, müssen davon ja nicht überzeugt
werden. Aber von außen werden immer noch alte, zähe Vorurteile aus zum Teil undurchsichtigen Gründen
gepflegt. Vor der Wende war das dumme Gerede über die "Arbeiterschließfächer" zum Teil nur der blanke
Neid auf die begehrten Wohnungen. Heute wird auch mancher, der sich nach der Wende davon überzeugen
ließ, er müsse sich den Buckel voll Schulden laden, um ein Häuschen im Umland zu bauen, wo er heute
sitzt, weit weg von Post, Arzt, Schulen und Einkaufsmöglichkeiten, auch anders über seinen Wegzug
aus Grünau denken, aber wird er es zugeben?
Einige Jahre hatte man den Eindruck, die Stadtverwaltung hat begriffen, Grünau ist ein Pfund, mit
dem man wuchern muss. Es wurde viel getan, die Mitbeteiligung der Bürger blühte, Pläne wurden
gemacht und mit ihrer Umsetzung begonnen. Das ging schnell zu Ende, als Olympia am Horizont
erschien. Nachdem wir nun wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen sind, kann man nur
hoffen, dass Grünau für die Stadtregierung wieder interessanter wird und dass ein Mindestmaß an
Mitteln fließen wird. Grünau muss noch mehr in die Stadt integriert werden; städtische
Institutionen, Ämter und Einrichtungen der Universität sollten verstärkt in Grünau angesiedelt
werden. Dann käme so mancher hierher, für den Grünau noch nicht zu Leipzig gehört, vielleicht
auch wieder einmal der Herr Oberbürgermeister?
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