Orchideen und weitere gefährdete Arten am Kulkwitzer See - Teil 1

zurück zur Übersicht "Flora und Fauna am Kulki" - Pflanzen
Orchideen und weitere gefährdete Arten am Kulkwitzer See - Teil 1
Orchis purpurea - Purpur-Knabenkraut

Welch eine Freude, 2007 blühte zum ersten Mal ein Purpur-Knabenkraut auf der Kippe Kulkwitz. Es stand nur wenige Meter vom Weg entfernt. Doch die Freude währte nicht lang. Bereits eine Woche später klaffte an Stelle der Pflanze nur noch ein Loch im Boden. Warum nur sind Menschen immer wieder so egoistisch, alles Schöne nur für sich allein besitzen zu wollen? Warum müssen auf der Kippe immer wieder Orchideen ausgegraben werden? Warum dürfen sich nicht alle Menschen an dem schönen Anblick erfreuen? Damit war's das erst mal wieder mit dem Purpur-Knabenkraut auf der Kippe Kulkwitz - ein sehr kurzes Gastspiel.


Das Purpur-Knabenkraut ist an der Abbruchkante der Querfurter Platte auf Muschelkalk - und Lössböden eine der häufigsten Orchideenarten. Seine Teilpopulationen zählen zum Teil mehrere zehntausend Individuen. Trotz des reichlichen Samenpotentials hat es sich in der Mitteldeutschen Braunkohlenbergbaufolgelandschaft nur ausgesprochen selten etabliert.

In Sachsen ist Orchis purpurea offiziell nur noch von einem einzigen Fundort im Kreis Meißen bekannt, also eine absolute Rarität. Es steht deshalb in Sachsens Roter Liste in der Kategorie 1 - ist also akut vom Aussterben bedroht. Unter diesem Hintergrund ist der Raub des Purpur-Knabenkrautes von der Kippe Kulkwitz besonders verwerflich.

Als charakteristische Saumart wären die lichten Pionierwaldbereiche (Pappelforst und Birkenpionierwald) auf der Kippe Kulkwitz ein idealer Lebensraum zur Etablierung und Vermehrung der Art gewesen. Mit seinem kräftigem Wuchs, einer bis zu 20 cm großen Blattrosette und bis zu 60 cm hohem Blütenstand ist es eine sehr auffällige Pflanze. Die Blüten werden von einem kugelförmig ausgebildeten, meist in sehr dunklen Rottönen (purpur) gefärbten Helm und einer großen, mehrfach geteilten Lippe gebildet. Wegen der Form der Lippe spricht man bei etlichen Orchis-Arten von Ärmchen und Beinchen - bei Orchis purpurea sind die Beinchen der Lippe meist sehr breit ausgeformt. Betrachtet man sich die Lippe ganz genau, so erkennt man, dass die rötlichen Punkte auf der helleren Lippe von kleinen Büscheln dunkel gefärbter Härchen gebildet werden und die Lippe häufig auch von kleinen im Sonnenlicht funkelnden (reflektierenden) Wachskristallen bedeckt ist. Wie so häufig liegt bei den Orchideen die Schönheit im Detail.

Bei der nächstgelegenen Population des Purpur-Knabenkrautes im Tagebaurestloch Gostau/Röcken treten zum Teil sehr ungewöhnliche seltene Farbvarianten der Lippe auf. Betracht man sich das Purpur-Knabenkraut in Gebieten mit großen Populationen genauer, so wird man eine verblüffende Vielfalt in Form und Färbung der Blüten entdecken und bei etlichen Pflanzen vermögen es nur Spezialisten, diese von Hybriden mit dem nahe verwandten Helm-Knabenkraut zu unterscheiden.

14 Jahre lang hat eine solche Hybride Purpur- und Helm-Knabenkraut - Orchis x hybrida jedes Jahr stattlich im Pappelwald geblüht. Dieses Jahr hat sie zum ersten mal seit der langen Zeit keinen Blütenstand gebildet. Nach gängigen Definitionen einer Art sollten Nachkommen verschiedener Arten (Hybriden) unfruchtbar sein. Orchideen bilden davon in der Regel eine Ausnahme. Und im Burgenlandkreis Sachsen-Anhalts sind die meisten Orchis x hybrida fruchtbar und vermehren sich. Aber warum sind dann noch 14 Jahren stattlicher Blütenstände auf der Kippe Kulkwitz noch keine Jungpflanzen (Nachkommen) zu finden? Eine Untersuchung im vergangenen Jahr zeigte, dass die Klebdrüschen, mit denen sich die Pollinien (Pollenpakete) eigentlich an den Bestäuberinsekten anheften sollten, funktionsunfähig sind.


Weitere Artikel zu diesem Thema in unserer Rubrik:
•  Orchideen und weitere gefährdete Arten am Kulkwitzer See - Teil 2
•  Orchideen und weitere gefährdete Arten am Kulkwitzer See - Teil 3
•  Orchideen und weitere gefährdete Arten am Kulkwitzer See - Teil 4
Karl Heyde [29.06.2008]
zurück zur Übersicht "Flora und Fauna am Kulki" - Pflanzen
Informationsseiten des Nabu:
•  Informationsseiten des Nabu: "Natur des Jahres" im Überblick der Jahre 2003, 2004, 2005, 2006 sowie aktuell 2007
Weitere interessante Informationensbereiche auf unseren Internetseiten:
•  Jahrgänge des Magazin Grün-AS: Ausgaben der Jahre 1999, 2000, 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006 sowie der Jahrgang 2007
•  Jahrgänge unserer Presseinformationen: Artikel der Jahre 1992, 1993, 1994, 1995, 2000, 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006, 2007, 2008 sowie Jahrgang 2009
•  Die Flora und Fauna des Kulkwitzer See's: Bereich Pflanzen sowie Bereich Tierwelt von Dr. Leonhard Kasek
•  Allgemein: Historisches, Aktuelle Veranstaltungen am Kulkwitzer See oder auch Digitale Grußkarten vom See
Rückblick auf 30 Jahre Leipzig-Grünau - Special zum Jubiläum 2006
•  Informationen, Wissenswertes und Presseartikel zum Jubiläum "30 Jahre Leipzig-Grünau" 2006 finden Sie unter www.30-jahre-gruenau.de.
Letzte Änderung dieser Seite: 19.07.2009 20:27 • © 2000-2010 Nabu, KV LeipzigImpressumW3C valid HTML 4.01Zum Seitenanfang