Naturreport: Naturschutz und Naherholung am Kulkwitzer See

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Der Kulkwitzer See am Westrand von Leipzig begann seine Karriere 1955 als Tagebau. Eine damals noch artenreiche Agrarlandschaft musste der Kohleförderung weichen. Anfang der 60er Jahre waren die Vorräte erschöpft und die Förderung wurde eingestellt. Eine umfangreiche Sanierung des Restloches, wie heute üblich, gab es zunächst nicht. Nur die Hochkippe am Südwestrand wurde aufgeforstet. Da der Boden teilweise stark verdichtet war, bildeten sich sumpfige Staunässelichtungen. Bäume konnten dort nicht wachsen, dafür aber einige Orchideenarten und fast alle heimischen Lurche fanden Lebensraum. Leider wurden diese Sümpfe bereits in den 70er Jahren trocken gelegt. Auch an sehr trockenen Stellen wuchsen die Bäume zunächst nicht. Die Kippe wird im Volksmund Pappelwald genannt. Sie hat sich, gerade weil sie weitgehend sich selbst überlassen wurde und die größeren Lichtungen, vor allem unter der Stromtrasse, regelmäßig durch Schafe abgeweidet werden, trotz der vorherrschenden Pappeln zu einem erstaunlich artenreichen Biotop entwickelt.

Auch Orchideen gibt es an einigen schwer zugänglichen Stellen noch immer. Einige Arten, wie z.B. der Frauenschuh, sind allerdings durch Kleingärtner ausgerottet worden, die sie ausgegraben und in ihre Gärten gepflanzt haben. Dort sind sie nach kurzer Zeit abgestorben, weil die für Orchideen lebensnotwendigen Mykorhizapilze in der Gartenerde nicht gedeihen können.

Auch andere Uferabschnitte wurden bepflanzt. Manches blieb jedoch bis heute Ödland mit Hasen, Wachteln, Fasanen, Hänflingen und Stieglitzen. In den Hecken rund um den See hat sich inzwischen eine artenreiche Singvogelflora angesiedelt. In den sich selbst überlassenen steilen Uferhängen gab es bis in die 80er Jahre einen großen Uferschwalbenbestand, der erst dem langsam steigenden Wasser gewichen ist. Der grundlegende Wandel der Landschaft hat die Natur zwar natürlich ebenso einschneidend verändert. Schlechter oder artenärmer geworden ist sie dadurch aber nicht. Im Gegenteil leben heute im Gebiet des Kulkwitzer Sees erheblich mehr Arten als auf dieser Fläche vor 50 Jahren. Auch schwere Eingriffe in die Landschaft sind nicht von vorn herein naturfeindlich, können den Naturschutz unter Umständen sogar fördern. Eingriffe verlangen immer eine gründliche Einzelanalyse und Bewertung. Mit der Entstehung des Wohngebietes Grünau wurde der Kulkwitzer See 1973 zum Naherholungsgebiet. Vieles wurde aber am Kulkwitzer See nicht durch Stadt oder Staat geschaffen, angepflanzt oder gestaltet, sondern durch Anwohner und durch am See aktive Vereine. Das hat tiefe Bindungen entstehen lassen. Etwa ein Drittel des Seeufers liegt in unmittelbarer Nähe von Wohngebieten (Grünau, Lausen, Miltitz, Markranstädt und Göhrenz) mit zur Zeit insgesamt 60000 Einwohnern. Der See und seine Uferzonen werden daher intensiv zur Naherholung genutzt: zum Baden, Angeln, Wandern, Walken, Radfahren, Inlinern, Spazierengehen, Segeln, Tauchen, Eisbaden, Schwimmen, Joggen, Surfen, Tischtennis spielen, Bootfahren oder zum Wasserskifahren. Daraus ergeben sich einige Probleme mit dem Naturschutz:
  1. Der allgegenwärtige Vandalismus, vor allem in den Grünau zugewandten Gebieten, belastet nicht nur die Stadtkassen der beiden Anliegerstädte Leipzig und Markranstädt, sondern auch die Natur. Es werden z.B. illegal Bäume und Sträucher gefällt, um Holz für ebenfalls illegale Lagerfeuer zu gewinnen. Der energische Kampf gegen jede Art Vandalismus sollte im Interesse aller Nutzer des Sees liegen, auch wenn sich viele Besucher nur abwenden und schimpfen und nicht einmal wenigstens auf ihre eigenen erwachsenen Kinder einwirken, wenn die sich betrinken und dann im Suff zu Vandalen werden.

  2. Eng damit verbunden ist die Verschmutzung des Geländes durch überall weggeworfene Abfälle. Plastetüten, Bierbüchsen u.ä. können zur tödlichen Falle für Kleintiere werden. Und für Kinder, Radfahrer und Badende: Glasscherben und scharfe Kanten lauern überall. Auch im Wasser und in verdorbenen, weggeworfnen Speiseresten lauern gefährliche Salmonellen...

  3. Hierzu kann auch das exzessive Füttern der Wasservögel am See gerechnet werden. Nicht wenige Besucher bringen große Beutel Futter mit, in dem Irrglauben, den Vögeln damit etwas Gutes zu tun. Aus dem Futter wird aber Kot und der landet meist im Wasser. Teile des Seebodens am Badestrand Lausen sind im Laufe der Jahre regelrecht zugeschissen worden. Das übermäßige Füttern fördert auch das Ausbrechen von Seuchen unter den Vögeln und im Vogelkot halten sich auch für den Menschen gefährliche Krankheitserreger. Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn man den Schwänen, Stockenten und Bläßrallen einige Brotstücke zuwirft, um jüngere Kinder mit diesen Vögeln vertraut zu machen. Davon abgesehen darf nur bei längeren Frostperioden gefüttert werden, wenn der See bis auf einige Wasserlöcher zugefroren ist und die Vögel in der verschneiten Landschaft nichts mehr zu fressen finden.

  4. Das Wegwerfen der Abfälle und die Fütterung tragen auch zur Eutrophierung bei, der wahrscheinlich größten Gefahr für den See und seine Umgebung. Die am kräftigsten fließende Nährstoffquelle sind aber die Fäkalien der Besucher. Die Toiletten werden meist nur aufgesucht, wenn sie in unmittelbarer Nähe liegen. Davon abgesehen, sind sie Vandalismusattacken oft besonders ausgesetzt und trotz regelmäßiger Reparatur verdreckt, kaputt und teilweise mit Kot und Erbrochenem verschmiert, wahrlich keine einladenden Orte. Urin und teilweise auch Kot werden häufig beim Baden ins Wasser abgesetzt, sonst in die Büsche. Einige Tonnen reiner Stickstoff gelangen so jährlich ins Wasser und an die Uferregion. Das hohe Nährstoffangebot stimuliert das Pflanzenwachstum kräftig. Dabei setzen sich einige konkurrenzstarke Pflanzen, z.B. Brennnesseln oder Holunder, durch. Das führt zur Verarmung der Vegetation und der von ihr abhängigen Tierwelt. Im Wasser sinken die abgestorbenen Pflanzen zu Boden. Auf Grund seiner Tiefe hat der See im Sommer eine sehr stabile Wasserschichtung, sauerstoffreiches Wasser kommt nur im Herbst und Frühjahr in die Tiefe. Ist der Strom abgestorbener Organismen auf Grund der Düngung an der Oberfläche zu stark, wird bei der Zersetzung der Sauerstoff aufgebraucht, bevor im Herbst die Schichtung aufgebrochen wird und wieder sauerstoffreiches Wasser in die Tiefe gelangt. Im Spätsommer bildet sich so eine lebensfeindliche Schicht am Boden, die von anäroben Prozessen bestimmt wird. Läuft die Eutrophierung im jetzigen Umfang weiter, besteht die Gefahr, dass der See in einigen Jahrzehnten umkippt und zur stinkenden Jauchegrube wird, deren Sanierung extrem teuer werden dürfte. Etwas Abhilfe schafft auch die geplante Freispiegelleitung, über die nährstoffreiches, sauerstoffarmes Tiefenwasser in den Zschampert abfließt. Ansonsten sind meine Hoffnungen auf die Vernunft der Besucher begrenzt. Ich setze daher darauf, dass es weniger werden, wenn die anderen Seen in Leipzigs Umgebung in vollem Umfang für die Freizeitnutzung zur Verfügung stehen. Die Klarheit des Wassers ist trügerisch. Der Kulkwitzer See gehört zwar deutschlandweit den Seen mit der höchsten Unterwassersichtweite und ist deshalb bei Tauchern sehr beliebt. Aber diese Klarheit ist vor allem den im Wasser gelösten Mineralen zu verdanken. So sauber wie es aussieht, ist das Wasser leider nicht mehr, Baden kann man aber (noch?) bedenkenlos.

  5. Probleme bestehen auch durch die Landschaftsgestaltung. Bei Markranstädt wurde zur Aufwertung für die Besucher z.B. ein Stück Trockenrasengebiet aufgeforstet und damit seltenen Pflanzen und Insekten der Lebensraum entzogen. Die Ursache war einfach mangelnde naturschutzfachliche Sachkenntnis. Es wäre kein Problem gewesen, die Trockenrasenflächen am Rand der Hochkippe beim Pflanzen auszusparen. Im Pappelwald erreichen die Pappeln langsam ihr natürliches Lebensende. Geplant ist, die Bäume zu fällen und dafür einen Laubmischwald zu pflanzen. Damit werden die Orchideenbestände und andere seltene Pflanzen im Pappelwald bedroht. Außerdem zwingen die Fördermittelrichtlinien zu einer sehr engen Pflanzung. Nicht angewachsene Bäumchen müssen nachgepflanzt werden, sonst droht die Rückzahlung der Fördermittel. Aus dem artenreichen Pappelwald würde so ein artenarmer Forstacker. Das Beste wäre daher, den Pappelwald sich selbst zu überlassen. Im lichten Schatten der Pappeln wachsen bereits Sträucher und andere Laubbäume heran. Sinnvoll wären allenfalls Pflegearbeiten, um z.B. die Orchideenbestände zu erhalten und natürlich das weitere Abweiden der offenen Flächen durch Schafe. Problematisch ist auch, dass die Stadt Leipzig versucht, mit einem B-Plan umfangreiche Flächen in Ufernähe für Ferienhäuser, ein Hotel und die zugehörigen Parkplätze zu reservieren. Damit wird der Druck der Erholungssuchenden auf die Flächen verstärkt. Das bekommt der Natur am See nicht gut und mit der Natur schwindet auch die Attraktivität des Naherholungsgebietes. Eine drohende Fehlentscheidung, gegen die sich vor allem viele Grünauer und Lausener gewandt haben.

  6. Außerhalb der Badestellen fällt der Seeboden meist steil in die Tiefe ab. Schilf und Gelegezonen sind daher selten am See. Dort wo keine Gefahr droht, sollte daher auch in Zukunft die natürliche Erosion der teilweise immer noch steilen Ufer nicht behindert werden. Damit können sich allmählich Flachwasserzonen mit einer ausgedehnten Gelegevegetation bilden. Außerdem sind auch die steilen, frisch erodierten Hänge wichtige Lebensräume. Möglich ist das zwischen Göhrenz und Lausen sowie zwischen Göhrenz und Markranstädt.
Die attraktive Natur um den See ist ein Besuchermagnet, der auch den Unternehmern, die am See aktiv sind (Campingplatzmanagement, Gastwirte, Wasserskianlage, Bootsverleih u.a.) zu ihren Umsätzen verhilft. Es liegt daher in allem Interesse, wenn dieser Naturreichtum erhalten bleibt. Dazu wäre folgendes erforderlich:
  1. Aufklärung der Besucher und Nutzer des Sees, um ihnen einerseits zu helfen, den Naturreichtum zu entdecken und wahrzunehmen und sie andererseits zu einem naturschonenden Verhalten anzuregen. Dies hilft, diese Natur zu erhalten. Vor allem von den Schulen in der Umgebung erwarten wir, dass sie im Unterricht, bei Projekttagen, mit Arbeitsgemeinschaften und Exkursionen ihren Schülern die Natur am See nahe bringen und sie zu derem Schutz anhalten. Der Nabu ist gern bereit, die Schulen hier zu unterstützen.

  2. Der Pappelwald sollte naturbelassen bleiben und nicht in einen Forstacker umgewandelt werden. Ein naturbelassener, sich selbst erneuernder Pappelwald wäre nicht nur artenreicher, sondern auch schöner als dicht in Reih` und Glied stehende Jungbäumchen.

  3. Die Campinghalbinsel sollte langfristig wieder der Natur überlassen werden. Gegenwärtig wird sie noch stark von Dauercampern genutzt. Doch viele von ihnen sind älter, die neuen Seen um Leipzig locken und die Gewohnheiten ändern sich: Dauercamping an einem Ort wird allmählich durch das Umherstreifen mit einem Wohnwagen ersetzt. Für Wohnwagen muss die Insel auch künftig gesperrt werden und Befahren (mit Schritttempo!) mit dem Pkw muss auf das Aufbauen im Frühjahr und das Abbauen im Herbst beschränkt bleiben. Schärfere Kontrollen sind hier dringend erforderlich. Unter diesen Bedingungen besteht Hoffnung, dass die Campinghalbinsel in 10 bis 15 Jahren für Camping gesperrt werden kann, ohne Dauergäste zu verprellen. Für Neugäste ist auf den Flächen längs der Straße am See reichlich Platz.

  4. Die Ödlandflächen am Grünauer Ufer sollten einschließlich des Rodelberges ein bis zweimal je Jahr von Schafen abgeweidet werden, um Raum für seltenere Wiesenstauden zu schaffen. Das würde nicht nur den Reiz der Landschaft erhöhen, sondern Spaziergängern auch neue Gebiete erschließen.

  5. Es sollte alles unterlassen werden, was dazu beträgt, das Auto nutzende Touristen bevorzugt an den See zu ziehen. Naherholungsgebiete, die, wie der Kulkwitzer See, sehr gut per Rad, zu Fuß oder ÖPNV zu erreichen sind, sollten vorrangig für die ohne Auto kommenden Gäste gestaltet werden. Für die Autofahrer gibt es genügend attraktive Gebiete, die zu Rad oder ÖPNV nur schwer zu erreichen sind. Ein autofreundliches Naherholungsgebiet am See würde dazu beitragen, dass viele Anwohner, die jetzt noch umweltfreundlich ohne Auto kommen, ebenfalls in ihren Pkw steigen, um weiter entfernt noch Natur zu finden, die nicht autoverstellt ist. Dem Naturschutz und einer nachhaltigen Stadtentwicklung wäre damit ein Bärendienst erwiesen.

Bilderserien zur Flora und Fauna des Kulkwitzer See und weitere interessante Links:
•  Bilderserie Flora und Fauna am Kulkwitzer See: Frühling, Sommer, Herbst sowie Bilderserie Winter
•  Pappelwald am Kulkwitzer: Magazin Grün-AS, Ausgabe 12/2001: Der Pappelwald hat Zuwachs bekommen
•  Themenbezogene Artikel: Flora und Fauna am Kulkwitzer See im Frühling, Sommer sowie Artikel Flora und Fauna im Herbst
•  Ökolöwe Umweltbund Leipzig e.V., Naturschutzbund Deutschland - Landesverband Sachsen e.V. sowie die Website von Dr. Leonhard Kasek
Dr. Leonhard Kasek [27.12.2005]
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•  Die Flora und Fauna des Kulkwitzer See's: Bereich Pflanzen sowie Bereich Tierwelt von Dr. Leonhard Kasek
•  Allgemein: Historisches, Aktuelle Veranstaltungen am Kulkwitzer See oder auch Digitale Grußkarten vom See
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