Baum des Jahres 2006 - Die Schwarz-Pappel - ein schnell wachsender Riese vom Aussterben bedroht

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Die Europäische Schwarz-Pappel (Populus nigra L.) gehört zu den Baumarten, die eigentlich weit verbreitet sein müssten, aber inzwischen so selten geworden sind, dass sie in den Roten Listen bedrohter Pflanzenarten stehen. Die Gründe dafür sind vielfältig: vor allem Veränderung und Verluste natürlicher Flußauen sowie Verwendung von anderen nichtheimischen Pappelarten oder Kreuzung mit ihnen. So kommt es, dass ältere echte Schwarz-Pappeln schon eine kleine Sensation sind. Sie werden daher in mehreren Ländern Europas und einigen deutschen Bundesländern erfasst.

Im Pappelwald am Ufer des Kulkwitzer Sees stehen Hybridpappeln, eine Kreuzung aus verschiedenen Pappelarten, keine Schwarzpappeln.

Schwarzpappeln sind Pionierbäume feuchter Auen. Sie besiedeln zusammen mit den Weiden als erste feuchte Sand- und Schlammbänke, die zum Beispiel nach Hochwasser in Flußauen zurück bleiben. Unter den schnell wachsenden Pappeln wachsen dann andere, anspruchsvollere Baumarten, die nach einigen Jahrzehnten die Pappeln ersetzen. Inzwischen sind die meisten Flüsse so weit reguliert, dass sich in der Natur die rohen, unbewachsenen Auwaldböden, auf denen die Schwarzpappel von Natur aus wächst, kaum noch bilden können. Auch die Förster schätzen das Holz der Schwarzpappeln nicht und pflanzen sie daher kaum. Wenn Pappeln gepflanzt werden, sind es fast immer Hybridpappeln. Die kommen zum Beispiel mit nährstoffarmen Kippenböden, deren Wasserregulation nicht funktioniert, so dass sie zwischen Trockenheit und Staunässe schwanken, besser zurecht als die Schwarzpappel.

Pappeln, Schwarzpappeln und Hybridpappeln werden nur einige Jahrzehnte alt. Dann beginnen sie abzusterben, Dieses Absterben zieht sich über viele Jahre hin: Starke Äste werden von Pilze befallen, morsch und dann vom Sturm abgerissen. Da Pappeln Flachwurzler sind, werden sie durch ihre Wurzeln nicht sehr fest im Boden verankert. Ist der bei Hochwasser oder nach Starkregen aufgeweicht, sind alte Pappeln eine leichte Beute für einen Sturm oder Gewitterböen. Aus entasteten Stammruinen und sogar aus den noch im Boden steckenden Wurzeln umgestürzter Pappeln treiben sie neu aus. Auf diese Weise verjüngt, rappeln sie sich wieder auf, bis ihnen schließlich parasitische Pilze oder Tiere wie der Bieber (den es mit etwas Glück in einigen Jahren auch am Kulkwitzer See wieder geben könnte) endgültig das Lebenslicht ausblasen.

Pappelkronen lassen viel Licht durch und sie bilden auf rohen Böden den ersten Humus. Unter ihnen wachsen daher leicht andere Bäume (im Pappelwald vor allem Eichen, Birken, Ahorne, aber auch Sträucher wie Weißdorn, Hartriegel und Heckenrosen). Beginnt der Pappelwald zu sterben, verbessert sich das Lichtangebot und die nächste Generation wächst schneller. Fast unmerklich werden so die Pappeln durch andere Bäume ersetzt. Die sterbenden Pappeln liefern unzähligen Insekten Nahrung und in den höhlen stärkerer Stämme fühlen sich Spechte, Kleiber, Meisen und Fledermäuse wohl. So ein sich natürlich verjüngender Wald ist ungleich artenreicher als ein neu gepflanzter Forstacker.

Zum Pappelwald gibt es Pläne, die langsam sterbenden Altpappeln zu fällen und durch wirtschaftliche wertvolle Baumarten zu ersetzen. Das würde für die Orchideen des Pappelwaldes, aber auch für viele dort vorkommende Insekten, Vögel und Fledermäuse das aus bedeuten. Nebenbei würden Birken, Wildobstarten und der Unterwuchs aus Sträuchern ebenfalls beseitigt: sie bringen wirtschaftlich wenig Nutzen. Die Edelholzbäume werden so dicht gepflanzt, dass sich eine neue Strauchschicht nicht ausbilden kann. Der Forstwald wäre viel artenärmer als der sich selbst verjüngende Naturwald.

Um den artenreichen Pappelwald für die Spaziergänger, Pilzsucher, Jogger usw. zu erhalten, sollte darauf verzichtet werden, den Pappelwald zu schlagen. Es reicht, einzelne Pappeln herauszuholen, so dass kleine Lichtungen entstehen, auf denen der Unterwuchs schneller nachwachsen kann. Auf solchen Lichtungen können auch einige erwünschte Baumarten nachgepflanzt werden, die Tiere und Wind bisher noch nicht oder nur wenig verbreitet haben. Sinnvoll wäre es auch, längs der Wege umsturzgefährdete Altpappeln zu schlagen, um Unfallgefahren zu beseitigen. Die Wegsäume können dann mit typischen Waldrandsträuchern bepflanzt werden. Den Rest können die Förster getrost der Natur überlassen. So bliebe der Artenreichtum erhalten und könnte sogar noch vergrößert werden. Einzelne Starkbäume können später trotzdem geerntet werden. Allerdings wäre der Holzertrag geringer, weil auch wirtschaftlich weniger interessante Arten wachsen dürften und sich die weiter auseinander stehenden Bäume früher verzweigen. Die Stämme sind dadurch kürzer. Der Leipziger Auwald wird seit Jahrhunderten auf diese naturfreundliche Art bewirtschaftet. Das zeigt, dass Artenreichtum und naturverträgliche Bewirtschaftung sich nicht ausschließen. Die Nutzbäume, die die Förster an Stelle des Pappelwaldes pflanzen wollen, könnten erst in 100 bis 150 Jahren wirtschaftlich verwertet werden. Statt sich einseitig um den Ertrag unserer Nachfahren in 150 Jahren zu sorgen, sollten sich die Förster auch mehr für die Interessen der Erholung suchenden Anwohner und für den Erhalt der Artenvielfalt einsetzen. Im Auwald haben sie gezeigt, dass wirtschaftliche Nutzung, Naherholung und Naturschutz fruchtbar verbunden werden können.

•  Weitere ausführliche Informationen und Bildmaterial zum Baum des Jahres finde Sie unter: www.baum-des-jahres.de
Dr. Leonhard Kasek [09.04.2006]
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