Flora und Fauna am Kulkwitzer See: Frühling

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Frühling am See

Das Naherholungsgebiet Kulkwitzer See gehört zu den artenreichsten Biotopen des gesamten Leipziger Landes. Von hier aus ziehen auch immer wieder Tiere los, Grünau zu besiedeln. Füchse und Hasen als Neugrünauer hat in der Abenddämmerung bestimmt schon jeder gesehen.

Eigenheiten der Buchfinken

Zu den häufigsten Singvögeln gehören die Grünfinken und ihre Vettern, die auffällig bunten Buchfinken. Die Letzteren gehören zu den wenigen Baumbrütern und sie können ganz passabel singen, eine Rarität in der Finkenfamilie. Das heißt Buchfinken singen nicht, sie schlagen. Der Finkenschlag besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil ist angeboren, der zweite in dem sich die Stimme regelrecht überschlägt, ist gelernt und hier gibt es Dialekte.

Mit etwas Erfahrung kann man hören, woher die Buchfinken kommen. Der Überschlag bei unseren Finken klingt härter als der ihrer Mecklenburger Verwandschaft, erinnert im Klang etwas an "würzgebier". Buchfinken bevorzugen zum Brüten übrigens die Nachbarschaft ihres ärgsten Jägers, des Sperbers, der auch am See vorkommt. Raubvögel jagen nicht in der Nähe ihrer Nester, vertreiben aber andere Jäger. Einen besseren Schutz kann der Buchfink nicht finden. Auch Füchse haben eine jagdfreie Zone um ihren Bau. Deshalb bauen die an der Ostsee lebenden Brandenten, die im Winter auch auf dem Kulkwitzer See zu sehen sind, gern in Fuchsbauten. Der Fuchs belästigt diese wohlschmeckenden Untermieter nicht. Die Entenmutter muß dann aber zusehen, dass sie ihre noch nicht flugfähigen Jungen schnellstens in Sicherheit bringt, wenn sie die jagdfreie Zone um den Bau verlassen.

Rückkehr der Singvögel

Im Frühjahr belebt sich der See. Die Zugvögel kehren zurück. Darunter sind auch einige Raritäten wie der Neuntöter, ein etwa amselgroßer Singvogel. Ab Mai sind aus dem Gebüsch wieder Nachtigallen und Grasmücken zu hören. Der Name täuscht: Grasmücken sind keine Mücken, sondern kleine Singvögel. Die begabten Sänger sehen recht unscheinbar braun-grau aus. Ein Schicksal, dass sie auch mit anderen begnadeten Sängern in der Nachbarschaft teilen wie Rotkehlchen, Zaunkönig oder auch der Nachtigall. Die wird von Unkundigen leicht mit einem Sperling nach dem Winterfasten verwechselt.

A propos Sperlinge: Wussten Sie, dass es am See zwei Arten gibt? Neben dem allgemein bekannten Haussperling, der sich vorwiegend in der Nähe von Gebäuden tummelt, um dort die Krumen aufzupicken, die essende Menschen hinter sich lassen, gibt es noch Feldspatzen. Die halten sich etwas abseits der Gebäude, aber doch Nahe genug, um auch von unseren Abfällen zu futtern. Beide Arten sind, wenigstens auf den zweiten Blick, leicht zu unterscheiden: Feldspatzen haben einen schwarzen Fleck auf der Backe, wem er fehlt, der ist ein Hausspatz. Beim Hausspatz sind die Herren anders gefärbt als die Damen und mit etwas Erfahrung kann man sogar die Jugend erkennen, die zunächst ihren Müttern sehr ähnlich sieht. Es gibt aber auch einige Singvögel, die sehr schön bunt gefärbt sind. Die allbekannten Kohlmeisen zum Beispiel, deren Stimme macht aber nicht viel her. Anders bei der Goldammer, deren Gesang an Beethovens 5. Sinfonie erinnert. Wer aufmerksam auf Unkrautbestände schaut, kann dort Stieglitze und Hänflinge sehen, die die letzten Samen von Beifuß, Kletten und Disteln aufpicken.

Liebeswerben mit Gesang

Überhaupt ist das Frühjahr ideal, um Vögel zu beobachten. Sie haben jetzt ihr oft sehr auffälliges Hochzeitskleid und die Männchen sind oft sehr bunt gefärbt. Viele setzen bei der Brautschau ihre Stimme intensiv ein. Der Gesang der Vögel sagt den Damen: Hier sitzt ein attraktiver Mann für dich mit einem guten Nistplatz und der männlichen Konkurrenz: Scher dich! Hier ist besetzt. Außerdem haben Bäume und Büsche noch keine Blätter, so dass man die Sänger auch sehen kann. Es gibt auch unorthodoxe Formen, die mit Radau auf sich aufmerksam zu machen, wie das zum Beispiel der Buntspecht tut. Wenn er rhythmisch trommelt, sucht er keine Insekten, wie viele glauben, sondern ein Weibchen. Bei der Brautschau ist alles willkommen, was Krach macht. Ich habe schon einen Specht an einem alten, halb losen Verkehrsschild trommeln gesehen. Dem lautesten Specht gehören die Herzen der noch alleinstehenden Spechtinnen. Normalerweise, d.h. ohne Doping durch menschliche Produkte, ist der lauteste der nur sperlingsgroße Kleinspecht. Er trommelt auch viel schneller als sein größerer Vetter. Man muß dennoch etwas Glück haben, ihn zu hören oder zu sehen, denn er ist viel seltener am See als der Buntspecht. Der dritte der Spechte, der größte am See, der Grünspecht, trommelt gar nicht. Er ruft die Weibchen mit Lauten, die wie "Glüglüglück" klingen. Der Grünspecht ist recht häufig, weithin zu hören und auffällig bunt, vor allem grün mit leuchtend rotem Hinterkopf. Man könnte ihn leicht mit einem entflogenen Papageien verwechseln. Einen der fleißigsten Sänger will ich noch erwähnen, den Zilpzalp, der so singt wie er heißt. Mancherorts heißt der kleine, unscheinbar olivgrün gefärbte Sänger wegen seines monotonen Gesanges auch Dukatenzähler. Er singt meist hoch oben in den Wipfeln der noch kahlen Bäume, brütet aber am Boden.

Ein fleißiger Forstarbeiter: der Eichelhäher

Die reiche Vogelwelt am See, die vor allem im Frühjahr sehr aktiv ist, hat viel mit den Büschen zu tun. Am See wurden viele heimische Wildsträucher gepflanzt oder auch durch die Vögel mit dem Kot ausgesät. Der Eichelhäher, auch ein Bewohner des Naherholungsgebietes, sät Eicheln buchstäblich. Er steckt im Herbst an geeigneten Stellen Eicheln in die Erde, jede einzeln und in gebührendem Abstand voneinander. Gedacht ist das als Wintervorrat, aber aus vielen Gründen holt sich der Eichelhäher im Winter nur einen kleinen Teil davon. Die meisten bleiben im Boden und keimen im Frühjahr. Dann übernimmt der Eichelhäher noch einmal Pflegearbeiten: Er zieht den Sämling ein Stück aus der Erde, um die Keimblätter abzufressen. Dabei lockert er den Boden und die Wurzelspitzen reißen ab, auch der Gärtner kürzt beim Pflanzen die Wurzeln, um sie zu neuem Wachstum anzuregen. Die so vom Häher versorgten Jungeichen wachsen deutlich besser als gleich alte ohne Häherfürsorge. Übrigens vergisst der Häher die Orte, wo er im Herbst die Eicheln in den Boden verfrachtet hat, nicht. Es sind oft hunderte von Eicheln. Eine erstaunliche Gedächtnisleistung, der wir Menschen nichts vergleichbares entgegenzusetzen haben.

Wildsträucher bieten den Vögeln Schutz und Nahrung

Die Wildsträucher bieten den Singvögeln Nahrung und Schutz. Schlehen und Weißdorn haben Dornen, die schrecken Iltis, Marder, verwilderte Katzen aber auch einen anderen illustren Bewohner des Naherholungsgebietes, den Waschbären, davon ab, zum Nest zu klettern. Nur wenige Singvögel brüten auf Bäumen, die meisten bauen ihre Nester in möglichst dorniges Gestrüpp oder darunter, direkt am Boden. Nur einige Arten, wie die Amseln, brüten fast überall wo Platz ist.

Sie sind übrigens erst in den letzten 150 Jahren aus einem recht seltnen, scheuen Waldvogel, der im Winter nach Süden flog, zu einem überall häufigen Stadtvogel geworden, der das ganze Jahr bei uns bleibt. Ihre Cousine, die Singdrossel, ist im Moment dabei, es ihr nachzutun. Auf den Wildsträuchern leben zahlreiche Insekten, 215 leben zum Beispiel nur von Schlehen und 171 haben sich allein auf Weißdorn spezialisiert.

Damit ist der Tisch für die Insektenfresser reich gedeckt. Das sind nicht nur Vögel, sondern auch Spitzmäuse, Frösche, Kröten, Käfer, Raubwanzen und viele andere. Ziersträucher können hier nicht annähernd mithalten. Die bei Häuschenbesitzern ach so beliebten Thujas zum Beispiel sind für unsere heimischen Tiere wertlos.

Kröten und Frösche

Das Frühjahr ist am See auch die Zeit der Lurche. Wenigstens vier Arten gibt es noch häufiger: Wasserfrösche, Grasfrösche, Erdkröten und Teichmolche. Bis auf den Wasserfrosch leben alle an Land und kommen nur im Frühjahr zur Eiablage ans Wasser. Vor allem Kröten machen sich als unermüdliche Schneckenjäger um die Kleingärtner verdient, die auf Chemie verzichten. Leider sind Kröten besonders gefährdet: Ihre Haut ist gegenüber allen Arten von sogenannten Pflanzenschutzmitteln sehr empfindlich und im Frühjahr wandern sie oft einige Kilometer, um zu ihrem Laichgewässer zu kommen. Auf den Straßen unterwegs enden viele unter den Rädern der Autos. Das hängt auch damit zusammen, dass die Männchen sich freie Flächen suchen, die sie gut überblicken können. Dort warten sie auf die viel größeren Weibchen, um sich von ihnen Huckepack nehmen zu lassen.

Straßen erscheinen den Krötenherren offenbar besonders geeignet, um nach den Damen Ausschau zu halten. Die müssen dann, schwer von Eiern, auch noch die Männchen zum Laichgewässer tragen. Aufs Menschliche übertragen: Stellen sie sich eine hochschwangere Frau vor, die zu Fuß 50 km zur Entbindungsstation laufen muß und dabei einen Rucksack von 25 bis 30 kg trägt. Dabei sind die Kröten natürlich recht langsam und werden leichte Beute für verlotterte Kinder, die sie quälen und erschlagen. Leider kann man solche Barbarei am Lausener Teich im Frühjahr regelmäßig beobachten und wie viele Erwachsene gehen da achtungslos vorbei. Natürliche Feinde haben Erdkröten bei uns kaum. Anders die Frösche, die selbst von Katzen gejagt und gefressen werden.

Wer Glück hat, kann auch eine Wechselkröte entdecken. Die Tiere passen ihre Farbe dem Untergrund an, im Gras sehen sie zum Beispiel satt grün aus. Ihre Rufe erinnern an den Gesang eines Feldschwirls, Singvögel, die auch hier und da auch um den See herum brüten, gar nicht an Frösche oder Kröten.

Füttern der Wasservögel: gefährliche Tierliebe

Nur die Wasservögel fühlen sich auf dem See zur Brutzeit nicht recht wohl. Es fehlen breite Schilfgürtel, die ihnen Schutz bieten. So gibt es fast nur die genügsamsten Arten: Stockenten (meist einfach Wildenten genannt), Haubentaucher, Bleßrallen (oder Bleßhühner) und Schwäne. Spaziergänger, Angel und Bootfahrer kommen oft zu nah an die Nester.

Gegen solche Störungen reagieren viele Arten sehr empfindlich. Sie verlassen ihre Nester. Unfug ist auch das Füttern der Wasservögel in der warmen Jahreszeit.

Die Vögel werden so an Badestellen und Besucherschwerpunkte gewöhnt. Durch die üppige, aber ungesunde und einseitige Nahrung werden die Vögel fett und geschwächt. Auch die Massenansammlung begünstigt Krankheiten. Was da auf den ersten Blick wie Tierliebe aussieht, ist in Wirklichkeit Tierquälerei, zumal die Seuchen auch auf Haustiere übergreifen können. Dazu kommt, dass die Futterstellen mit Kot verschmutzt werden. Schwäne, die Junge haben, greifen auch Menschen an, wenn sie sich bedroht fühlen. Ein kräftiger Flügelschlag eines wütenden Schwans kann einem Kind Knochen brechen, ein Angriff im Wasser Schwimmer in Lebensgefahr bringen. Auch daher ist es verantwortungslos, Schwäne durch Füttern an stark besuchte Strände zu binden.

Alles entwickelt sich

Der Bestand der Tiere und Pflanzen am See ändert sich ständig. Vor einigen Jahren habe ich auf einer sumpfigen Wiese im Pappelwald bei Markranstädt Knabenkraut gefunden, eine heimische Orchidee. Die Wiese ist inzwischen trocken, das Knabenkraut verschwunden. Dafür werden im Röhricht Bartmeisen häufiger und ein Exot ist dazu gekommen: Der Waschbär. Zu Hause ist er eigentlich in Nordamerika. In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde er in Deutschland ausgesetzt, auch nach dem 2. Weltkrieg haben Pelztierzüchter Tiere aus Futtermangel freigelassen. Seitdem hat er sich prachtvoll vermehrt. Er frisst alles: Abfälle, Obst, Schnecken, Mäuse usw. Auch Vogelnester räumt er aus. Deshalb haben Naturschützer den Fremden heftig bekämpft. Inzwischen gibt es Langzeituntersuchungen in Gebieten in denen der Waschbär sehr häufig ist, z.B. in Hessen. Ein Rückgang seltner Vögel verursacht durch Waschbären konnte nicht festgestellt werden. Wir müssen aber sowieso mit ihm leben, alle Versuche den Neuen wieder los zu werden, sind gescheitert, obwohl Waschbären alles andere als menschenscheu sind. Aber sie sind auch von Natur aus Nachttiere, im Gegensatz etwa zum Fuchs, der eigentlich ein Tag aktives Tier ist und nur von uns Menschen ins Dunkel der Nacht gedrängt wurde. Damit bekommt man Waschbären selbst dort kaum zu sehen, wo sie häufig sind und wie in Hessen in die Städte eingezogen sind. Nur ihre Spuren verraten sie. Sie können übrigens, obwohl plump aussehend, besser klettern als Katzen. Eigentlich sind es Einzelgänger, aber bei Bedarf, zum Beispiel um Biotonnen umzukippen und an die Abfälle heranzukommen, kommt auch schnell eine ganze Bande zusammen.

Als ich das schrieb, habe ich im Garten einen anderen Neuling gefunden: Eine Achateule. Ein Nachtschmetterling aus Italien, der jedes Jahr im Frühling wie die Vögel zu uns kommt. Im Sommer und Herbst ist er am See recht häufig. Normale Winter sind bei uns aber zu kalt, so dass er erfriert. Aber dieser Schmetterling hatte keine Spuren, die auf einige Tausend Kilometer Flugreise bei nasskaltem Wetter mit Schnee und Graupelschauern hindeuten: Ausgebleichte Farben, zerschließene Flügel. Er sieht aus wie gerade geschlüpft. Er muß bei uns überwindert haben.

Die Miniermotte, die Sommer 2000 Leipzigs Rosskastanien geplagt hat, ist ein anderer Schmetterling, der durch die milden Winter aus dem Süden bei uns eingewandert ist. Der gefräßigen Motte werden bald ihre natürlichen Feinde folgen, so dass die Natur wieder ins Gleichgewicht kommt. Die Aufrufe des Umweltamtes, Kastanienlaub zu sammeln und zu vernichten sind übrigens sinnlos. Einige Motten überleben trotzdem und sie vermehren sich so schnell, dass im Sommer wieder alles befallen wird. Zeichen, dass es wärmer wird. Bald werden noch mehr Einwanderer aus dem Süden am Kulkwitzer See einziehen.

Bilderserien zur Flora und Fauna des Kulkwitzer See und weitere interessante Links:
•  Bilderserie Flora und Fauna am Kulkwitzer See: Frühling, Sommer, Herbst sowie Bilderserie Winter
•  Themenbezogene Artikel: Flora und Fauna am Kulkwitzer See im Sommer, Herbst sowie Artikel Flora und Fauna im Winter
•  Ökolöwe Umweltbund Leipzig e.V., Naturschutzbund Deutschland - Landesverband Sachsen e.V. sowie die Website von Dr. Leonhard Kasek
Dr. Leonhard Kasek [07.10.2001]
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