Es wird wärmer: Die Natur ändert sich

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Wer am See spazieren geht und aufmerksam die Natur beobachtet, hat in den letzten Jahren Veränderungen bemerkt. Ein Teil davon ist den milden Wintern der letzten Jahre zu verdanken. Die führen dazu, dass einige Singvögel im Winter hier bleiben. Bei den Singdrosseln ist diese Umstellung schon weit fortgeschritten. Von ihnen bleibt inzwischen im Winter ein großer Teil bei uns. Sie folgen damit ihren etwas größeren Verwandten, den Amseln, die einst im Winter ebenfalls nach Süden zogen, inzwischen aber längst auch im Winter bei uns bleiben. Sehr viel Glück haben muss man dagegen, wenn man im Winter ein Rotschwänzchen sehen will. Hier sind erst einzelne, die bei uns überwintern. Sie werden bald dominieren und in 10 Jahren wird es schon als normal gelten, im Dezember und Januar Rotschwänzchen zu begegnen.

Im Sommer gibt es dann richtige Exoten: Nilgänse aus Afrika. Ihre Ahnen sind entwichene Parkvögel. Am Cospudener See sind sie regelmäßig zu sehen, mit Glück auch am Kulkwitzer See.

Im Sommer kann man am Wasser Schildkröten treffen. Es handelt sich dabei meist um Rotwangenschildkröten. Die sind im subtropisch warmen Florida zu Hause und werden gern als Haustiere gehalten. Sie sind leicht zu halten und sehen, wenn sie klein sind, auch richtig hübsch aus. Aber sie bleiben nicht klein und ausgewachsen brauchen sie sehr viel Platz, meist zu viel für eine normale Wohnung. Nicht wenige Schildkrötenfans lösen das Problem, indem sie die Tiere einfach aussetzen. Mit unseren milden Wintern kommen sie inzwischen gut zurecht, so dass sie inzwischen an Leipzigs stehenden Gewässern überall vorkommen. Sehr zum Ärger vieler Naturschützer übrigens. Die Rotwangenschildkröten besetzen ökologische Nischen, in denen heimische Schildkröten leben. Die sind zwar schon vor vielen Jahrzehnten in der Leipziger Umgebung ausgestorben, werden aber durch das wärmere Klima ebenfalls begünstigt. Da aber die konkurrenzstärkere Rotwangenschildkröten um Leipzig nahezu alle geeigneten Lebensräume besetzt haben, werden wir wohl alle Hoffnungen begraben müssen, um Leipzig in Zukunft auch wieder heimische Schildkröten zu treffen.

Bewegung ist auch unter die Insekten gekommen. Schmetterlinge wie Admiral, Diestelfalter oder Achatfalter konnten früher bei uns nicht überwintern. Ein Teil von ihnen ist zurück nach Italien geflogen, ein Teil hat hier Eier zum Überwintern gelegt. Meist sind sie erfroren. Im Frühjahr sind dann wieder einige Schmetterlinge über die Alpen gekommen. Nach dem langen Flug sind sie an ausgeblichenen Farben und zerschlissenen Flügeln zu erkennen. Im Frühjahr gehörte großes Glück dazu, so einen zugewanderten Admiral zu sehen. Erst im Spätsommer und Herbst waren die Falter der zweiten Raupengeneration ziemlich häufig. Inzwischen überleben die meisten Wintereier die Winter auch bei uns und schon die erste Generation ist recht häufig. Im Spätsommer machen die Admirale inzwischen den Pfauenaugen ihren Platz als häufigster Tagfalter am See strittig. Sehr gut zu beobachten sind sie, wenn sie an blühenden Butleja (bzw. Sommerflieder) Nektar saugen. Die Raupen der Admirale fressen vorzugsweise Brennnesseln wie auch die Raupen anderer am See häufiger vorkommenden Tagfalter, z.B. Pfauenauge, Kleiner Fuchs und Landkärtchen.

Der neuste Zuwanderer ist das Taubenschwänzchen, ein Schwärmer aus dem Mittelmeergebiet. Er saugt den Nektar im Fliegen mit seinem Rüssel aus den Blüten und erinnert dann eher an einen Kolibri als an einen Schmetterling. Tatsächlich haben mich schon Bekannte nach den seltsamen Kolibris gefragt, die es bei uns gäbe. Bis zum Hitzejahr 2003 haben sich Taubenschwänzchen nur selten sehr selten im Sommer bis zu uns verirrt und wer von ihnen überwintern wollte, ist erfroren. Nur in Süddeutschland gab es einige Orte (z.B. am Kaiserstuhl), an denen sie überwinterten. Im Hitzejahr 2003 hatten wir eine Masseninvasion und es ist offenbar vielen gelungen, zu überwintern. Auch im Sommer 2004 waren sie bei uns häufig und da der Winter 2004/05 zwar lang war, aber keine strengen Fröste hatte, rechne ich auch im Sommer 2005 mit reichlich Taubenschwänzchen rund um den See.

Viel unangenehmer sind allerdings die Mücken. Malariaübertragende Moskitos gibt es am Kulkwitzer See von Anfang an (von "normalen" Wiesenmücken dadurch zu unterscheiden, dass die Moskitos (lateinisch Anopheles) beim Stechen ihren Hinterleib schräg nach oben halten, die Wiesenmücken (Culex) dagegen leicht nach unten). Malaria aber übertragen die Moskitos bei uns noch nicht: die Erreger brauchen eine lange Warmphase, um in der Mücke auszureifen. Unsere Sommer waren dazu bisher meist zu kurz. Das ändert sich aber allmählich und dann schaukelt sich der Prozess auf: Einzelne Erreger gelangen z.B. durch Urlauber aus dem Süden zu uns. Moskitos nehmen sie beim Stechen auf. In einem langen warmen Sommer reifen sie aus und beim Stechen überträgt die infizierte Mücken den Erreger auf mehrere Personen, von denen aus sie auf weitere Mücken gelangt. Nach einer Reihe von Jahren ist dann bei uns wie schon einmal in der Vergangenheit die Malaria wieder allgegenwärtig. Einige Fachleute rechnen damit, dass das in 20 bis 30 Jahren bereits der Fall sein könnte. Auch andere bei uns bisher unbekannte Krankheiten drängen mit der Erwärmung zu uns vor. So sind 2003 in Baden-Württemberg Sandmücken aus dem Süden aufgetaucht und haben sich gehalten. Sandmücken können Leishmaniose, eine schwere Tropenkrankheit übertragen.

Säugetiere sind weniger mobil als Vögel, Schmetterlinge und Mücken. Aber auch hier hat sich ein Vertreter der Subtropen in den letzten Jahren an Leipzigs Gewässern stark ausgebreitet, der Nutria. Nutrias oder Sumpfbieber sind deutlich größer als Katzen und haben orange-rote Nagezähne. Der Schwanz ist riemenförmig (beim einheimischen Elbebieber ist er flach-rund und geschuppt). Nutrias unterwühlen Deiche und richten daher erheblichen Schaden an Hochwasserschutzanlagen an. Auch Pflanzen reagieren auf die Erwärmung. Am Kulkwitzer See ist das im Moment noch vorwiegend in Gärten zu beobachten. Mittelmeerpflanzen wie Rosmarin und sogar Lorbeer, die strenge Winter nicht überleben würden, tauchen zunehmend häufiger in Gärten auf. Die chinesische Hanfpalme verträgt ohne Winterschutz mindestens -15°C. Die hatten wir im Winter schon lange nicht mehr. Den Winter 2004/05 haben in unserem Garten einige Agaven ohne Winterschutz überlebt und die härtesten Zitronenarten vertragen bis -10°C. Auch für sie wäre der letzte Winter kein Problem gewesen. Selbst die japanische Faserbanane hält bis -10°C aus. Sie friert dann zwar oberirdisch ab, treibt aber im Frühjahr sehr schnell wieder aus und erreicht in wenigen Wochen bis 3m Höhe. Nur Früchte ernten kann man von diesen bei uns fast winterharten Bananen nicht, dazu sind unsere Sommer noch zu kurz. Bananen und andere Pflanzen aus dem Süden kann man übrigens im Garten von Herrn Neumuth in Göhrenz bewundern. Da es direkt am Ufer des Sees im Winter noch etwas milder ist, weil das Wasser die im Sommer gespeicherte Wärme abgibt, könnte man am Ufer des Kulkwitzer Sees schon eine Mittelmeerriviera mit Palmen anlegen.

Weitere Informationen finden Sie unter:
•  Über Leipzig tobte am 18.01.2007 bei 14 Grad Orkantief "Kyrill", dazu peitschender Regen und Gewitter
•  Flora und Fauna am Kulkwitzer See: "Wetter in Grünau und am Kulkwitzer See"
•  Flora und Fauna am Kulkwitzer See: "Ozon: Gefahr am See"
Dr. Leonhard Kasek [30.03.2005]
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