Orchideen und weitere gefährdete Arten am Kulkwitzer See - Teil 4

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Orchideen und weitere gefährdete Arten am Kulkwitzer See - Teil 4
Orchideen im Pappelwald am Kulkwitzer See

Orchideen gelten als die schönsten aller Blumen. Einige von diesen Grazien wachsen auch am Kulkwitzer See im Bereich des Pappelwaldes. Zwar können sie sich nicht in der Größe und Schönheit mit ihren tropischen Verwandten messen - die einzige einheimische Art mit größeren Blüten, der Frauenschuh, wächst am Kulkwitzer See nicht. Aber ihre Blütentrauben fallen auch auf und es lohnt sich den filigranen Bau der kleinen Blüten einmal genauer anzuschauen. Orchideenblüten sind perfekt auf eine oder wenige Tierarten, die sie zur Bestäubung brauchen, abgestimmt. Bei uns sind das bis auf eine Ausnahme Insekten, eine Art, die aber am See nicht vorkommt, bevorzugt Spinnen. In den Tropen kommen auch Vögel wie Kolibris und Flughunde dazu. Orchideen haben sich auf nährstoffarme Standorte spezialisiert. Bei uns sind das stickstoffarme, meist kalkreiche Böden und sumpfige, stickstoffarme Wiesen. In den Tropen wachsen viele Arten auf Bäumen. Um ihren Nährstoffbedarf zu decken nehmen sie Pilze in ihren Dienst. Die Pilzfäden wachsen in die Wurzeln der Orchideen ein. Teilweise geben sie dort Stickstoff, Mineralsalze, aber auch Enzyme und Pflanzenhormone im Austausch gegen Zucker freiwillig ab, teilweise werden die ständig nachwachsenden Pilzfäden von spezialisierten Zellen in den Orchideenwurzeln einfach verdaut, also "aufgefressen". Ohne solche Mykorhiza-Pilze sind die einheimischen Arten nicht lebensfähig. Es ist daher sinnlos Orchideen auszugraben und im Garten wieder einzupflanzen. Die lebenswichtigen Bodenpilze kommen mit der nährstoffreichen, fetten Gartenerde nur selten zurecht und gehen fast immer ein. Es ist aber in den letzten Jahren gelungen, aus einigen einheimischen Arten Sorten zu züchten, die auch im Garten wachsen. Wer also unbedingt Orchideen im Garten haben möchte, wende sich an eine spezialisierte Gärtnerei. Dort gibt es neben einheimischen auch einige frostharte Arten aus anderen Regionen. Die sind natürlich teuer, bei vielen Arten dauert es 10 Jahre und mehr bis aus den Samen blühfähige Pflanzen herangewachsen sind. Es ist aber in jedem Fall wichtig, sich gut beraten zu lassen. Auch Freilandzuchtorchideen bleiben in Sachen Boden und Pflege anspruchsvoll.

Da Orchideen nur langsam wachsen, gehen sie mit ihren Nährstoffen sehr sparsam um. Die meisten heimischen Arten bilden unterirdische Speicherknollen, in denen auch alle mobilisierbaren Nährstoffe aus den Blättern eingelagert werden, wenn diese im Spätsommer und Herbst absterben. Bei einigen Arten wie den Knabenkräutern, ähneln diese Bulben menschlichen Hoden. Davon haben sie auch ihren Namen: Orchis ist das griechische Wort für Hoden. Orchis ist auch die wissenschaftliche Bezeichnung für die Gattung Knabenkraut von der die Bezeichnung für die ganze Ordnung abgeleitet wurde.
Günstige Bedingungen finden Orchideen nur sehr selten, um das auszugleichen, produzieren sie Unmengen staubfeiner Samen. Diese sind aerodynamisch günstig gebaut und haben noch dazu eine große Luftblase im Inneren. Das sind beste Voraussetzungen, um mit dem Wind über sehr große Entfernungen transportiert zu werden und jeden geeigneten Standort, sei er auch noch so abgelegen, schnell zu erreichen und zu besiedeln. Auf diese Art haben Orchideen auch die kargen Rohböden am Rand der früheren Tagebaue schnell erreicht und besiedelt. Mit etwas Glück können Orchideen daher auch freiwillig in Gärten einwandern, zum Beispiel auf Ökowiesen oder in den lichten Schaden von Gartenbäumen, wenn dort der Boden kalkreich und stickstoffarm ist. Eine für Wildorchideen geeignete Wiese zu schaffen, ist nicht schwierig, nur sehr viel Geduld ist nötig: die Fläche sollte wenigstens 100 m2 groß sein. Sie wird nie gedüngt oder mit irgendwelcher Chemie traktiert, allenfalls gekalkt. Gemäht wird Anfangs viermal pro Jahr. Das gemähte Gras wird abgeräumt und kann zur Gründüngung in anderen Teilen des Gartens verwandt werden. Wenn die Wiese dann durch den Nährstoffentzug schwächer wächst, wird seltener gemäht, zuletzt nur noch einmal pro Jahr im Herbst. Allmählich setzen sich auf so einer an Nährstoffen, vor allem Stickstoff, verarmenden Wiese immer mehr Wiesenblumen und Kräuter gegen die Gräser durch und mit etwas Glück blühen nach 15 bis 20 Jahren auch die ersten Orchideen auf der Ökowiese. Wer allerdings im Garten nur englischen Rasen, Thujahecken und gepflegte Blumenrabatten hat, zu dem wird sich nie eine wilde Schönheit verirren.

Für die Pflanzen hat diese Anpassung der Samen an lange Luftreisen aber ihren Preis. Platz für Nährstoffreserven ist in den winzigen Samen nicht. Wenn diese nach ihrer Luftreise irgendwo landen, bildet sich ein winziger, kegelförmiger Keimling, der wartet, dass ein geeigneter Bodenpilz Kontakt zu ihm aufnimmt. Erst wenn das geschehen ist, beginnt dieser mikroskopisch kleine Keimling zu wachsen. Bei einigen Arten halten die Keimlinge bis zu zwei Jahren in dieser Wartestellung durch. Ist auch dann noch kein Pilzfaden aufgetaucht, sterben sie ab. Das ist das Schicksal von 99,99% aller Samen. Der nächste Mechanismus trotz teilweise größerer Entfernung das Überleben zu sichern, ist die perfekte Anpassung der Blüten auf die Bedürfnisse von nur ganz wenigen Tierarten, nicht selten nur einer. Damit wird die Chance erhöht, dass der Blütenstaub nur dem geeignetsten Bestäuber übertragen wird und der, wenn irgend möglich, so schnell es geht, zur nächsten Orchidee der gleichen Art fliegt (oder bei Spinnen läuft), auch wenn diese weiter entfernt ist und den Pollen dort ablädt. Auf diese Weise ist die unglaubliche Vielfalt tropischer Orchideenblüten entstanden, von der unsere am See heimischen Arten nur einen kleinen Eindruck geben.

Bedroht sind die heimischen Arten durch uns Menschen. Auf gut gedüngten, intensiv bewirtschafteten Böden haben sie keine Überlebenschance. In der Vergangenheit sind sie auch auf nährstoffarme Wiesen vorgestoßen, die meist nur ein bis zweimal im Jahr von Schafen abgeweidet wurden. Die Schafe verhinderten, dass sich Buschwerk und hohes Gras breit machen konnten und haben damit gesichert, dass die Orchideen nicht überwuchert worden sind. Solche extensive Landwirtschaft lohnt sich nicht mehr und es verschwinden immer mehr Orchideenwiesen, wenn nicht Naturschützer aufwendige Pflegearbeiten übernehmen. Einige Orchideen wachsen auch in lichten Wäldern, auf deren nährstoffarmen Böden neben den Bäumen nur wenige Büsche hochkommen, obwohl genug Licht vorhanden ist. Bedingungen, die in den schütteren jungen Wäldern am Rand der alten Tagebaue oft erfüllt sind.

An uns wird es liegen, wie lange sich die empfindlichen Zuwanderer am Kulkwitzer See im Pappelwald halten. Bedroht sind sie durch Nährstoffeintrag (von Kot und Urin bis zu weggeworfenen Nahrungsmittelresten und Stickstoffzusatzdüngung durch Autoabgase), Zertreten, Abpflücken, Ausgraben, intensive Bewirtschaftung oder einfach Pflege von Ödland, damit es ordentlich aussieht. Wenn in den nächsten Jahren die Pappeln allmählich durch andere Laubbäume ersetzt werden, kommt die nächste Gefahr: werden die Förster bereit sein, so behutsam vorzugehen, dass die Orchideen überleben? Werden sie weiter lichte Wälder zulassen oder aus dem Pappelwald einen artenarmen, dicht gepflanzten Forstacker machen?

Hinweise zu den Orchideen-Arten am Kulkwitzer See:

Derzeit kommen auf der Kippe Kulkwitz vor:
  • Epipactis atrorubens (Braunrote Stendelwurz, RL3) > 5000 Individuen
  • Listera ovata (Großes Zweiblatt, RL2), > 1000 Individuen
  • Cephalanthera damasonium (Bleiches Waldvöglein, RL2) > 1000 Individuen
  • Ophrys apifera (Bienen-Ragwurz, RL R), >500 Individuen, davon jährlich nur wenige mit Blüte
  • Cephalanthera longifolia (Schwertblättriges Waldvöglein, RL1) ca. 50 Individuen
  • Platanthera chlorantha (Grünliche Waldhyazinthe, RL1), ca. 30 Individuen
  • Epipactis helleborine (Breitblättrige Stendelwurz, RL3), ca. 30 Individuen
  • Orchis x hybrida (Hybride aus Purpur- und Helm-Knabenkraut, beide Arten RL1) 1 Individuum
Erloschen sind:
  • Anacamptis pyramidalis (Pyramiden-Spitzorchis, RL0) hier wurde einmalig 1996 durch Werner Schille ein blühendes Individuum fotografisch belegt.
  • Cypripedium calceolus (Frauenschuh, RL0, FFH-Art) durch Ausgrabung und Jungpflanzen durch die aus Südwesteuropa in Rindenmulchsubstrat über Kleingärten eingeschleppte Große Egelschnecke vernichtet.



Weitere Artikel zu diesem Thema in unserer Rubrik:
•  Orchideen und weitere gefährdete Arten am Kulkwitzer See - Teil 1
•  Orchideen und weitere gefährdete Arten am Kulkwitzer See - Teil 2
•  Orchideen und weitere gefährdete Arten am Kulkwitzer See - Teil 3
Dr. Leonhard Kasek [06.12.2004]
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