Die Brennnessel und ihre Verwandten

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Brennnesseln sind am See allgegenwärtig. Sie bevorzugen feuchten, stickstoffreichen Boden. Wo sie massenhaft wachsen, ist der Boden reich an Stickstoff. Die beiden Hauptquellen am See sind: ausgewaschene Düngemittel aus den Feldern der Umgebung. Das wird an Stellen sichtbar, an denen Grundwasser in Ufernähe aus dem Boden rinnt. Die zweite Quelle sind Urin und Kot von Menschen und Hunden. Indem die Brennnesseln diesen Stickstoff binden, verhindern sie, dass er in den See gelangt und machen sich damit nützlich. Sie bieten auch den Raupen von über 70 Schmetterlingsarten Nahrung, darunter viele der bekannten Tagfalterarten wie Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge, Admiral, Landkärtchen, auch die Raupen des Diestelfalters fressen Brennnesseln gern. Ich bin immer wieder verblüfft, wenn ich Gärtner sehe, die in ihre Gärten Budleja (Sommerflieder) und andere Futterpflanzen für Schmetterlinge pflanzen, sich über jeden bunten Tagfalter freuen, aber zugleich derem Nachwuchs durch erbarmungslose Bekämpfung der Brennnesseln das Futter entziehen. Woher aber sollen die Schmetterlinge kommen, wenn ihre Raupen nichts zu fressen finden?

Brennnesseln sind essbar. Durch die Hungerzeit nach dem zweiten Weltkrieg sind sie leider in Misskredit geraden. Richtig zubereitet schmecken sie aber ausgezeichnet und sollten vor allem im Frühjahr regelmäßig gegessen werden. Die ganz jungen, ersten Blätter im Frühjahr haben noch keine Brennhaare und können daher sogar roh gegessen werden. Inzwischen gibt es auch Käse mit Brennnesseln, Brennnesseltee und andere Nahrungsmittel aus Brennnesseln zu kaufen. Alte, blühende Brennnesseln sind ungenießbar.

Auf den Blättern der Brennnesseln sitzen viele Brennhaare. Ihre Wände bestehen wie Glas aus Siliziumverbindungen. Bei der leisesten Berührung bricht die Spitze der Brennhaare ab und die extrem scharfen Bruchkanten ritzen die Haut, in dann aus den Brennhaaren Flüssigkeit eindringt, die den brennenden Schmerz verursacht. Diesem Nesselgift werden Heilkräfte gegen Rheuma nachgesagt. Heilkräfte hat die Brennnessel wirklich: Sie wirkt harntreibend, mobilisiert den gesamten Stoffwechsel und hilft bei Rheuma.

Brennnesseln enthalten Fasern, aus denen früher Gewebe hergestellt worden sind. Brennnesselfasern sind derb und sehr strapazierfähig. Zwischenzeitlich von Chemiefasern verdrängt, sind Stoffe aus Brennnesselfasern wieder im Kommen. Sie sind noch relativ teuer, aber als nachwachsender Rohstoff könnte sich mit steigenden Ölpreisen bald ändern. Die Brennnessel hat noch eine kleine Verwandte: die Kleine Brennnessel, manchmal auch Eiternessel genannt. Sie ist viel kleiner und hat eiförmige Blätter. Zum Essen und als Heilmittel ist sie nicht geeignet.

Fasern und medizinisch interessante Rohstoffe, das zeichnet auch einige am See wachsende Verwandte der Brennnessel aus. Der wäre zunächst der Hopfen zu nennen. Er wächst am See wild. Hopfen ist eine Kletterpflanze, die im Winter über der Erde abfriert und dann jedes Frühjahr neu durchtreibt. Er ist zweihäusig. Für die Bierbrauer kommen nur die unbefruchteten weiblichen Blütenstände, die "Zapfen" in Frage. Junge Hopfentriebe können im Frühjahr wie Spargel zubereitet und gegessen werden. Die Inhaltsstoffe der Hopfen"zapfen" verleihen dem Bier seinen bitteren Geschmack und bessere Haltbarkeit. Hopfen ist ein gutes Heilmittel bei Nervosität und Schlafstörungen. Er ist sehr eng mit dem Hanf verwandt. Hanf kommt bei uns nicht wild vor (obwohl ich am See schon verwilderte Pflanzen in einem verwahrlosten Blumenkübel gesehen habe), ich gehe daher nicht auf ihn ein.

Zur Brennnesselsippe gehören Maubeerbäume. Sie sind nicht heimisch, wachsen aber in unserem Klima und am Radweg von Miltitz nach Markranstädt wurde eine Hecke aus weißen Maulbäumen, der Futterpflanze der berühmten Seidenraupen angelegt. Die Früchte, die entfernt an Brommbeeren erinnern, sind essbar. Eng verwandt mit den Maulbeeren sind Feigen. Auch die beginnen langsam bei uns einzuziehen. Feigen vertragen Fröste bis etwa -15° C. Auch die von geschäftstüchtigen Gärtnern als winterhart angepriesenen Feigen erfrieren in harten Wintern, die wir aber seit Jahren nicht mehr gehabt haben. Sie treiben aber meist aus der Wurzel wieder aus. Die Feigen aus dem Mittelmeergebiet reifen bei uns meist nicht aus. Die für uns Klima gezüchtete Bayernfeige zeichnet sich gegenüber den Feigen aus dem Süden weniger durch größere Frosthärte als vielmehr eine verkürzte Reifedauer aus, so dass man auch bei uns Ernten kann. Unterstützt durch die immer milderen Winter breiten sich Feigen nun in unseren Gärten aus. Im Tropengarten bei Herrn Neumundt in Göhrenz wachsen sie schon seit vielen Jahren. Da der See als Wärmespeicher im Winter harte Fröste abmildert ist seine Umgebung für kälteempfindliche Pflanzen besonders geeignet.

Die letzten Vertreter der Brennnesselsippschaft am See sind die Ulmen (oder Rüstern). Es gibt davon 3 Arten: Bergulme, Feldulme und Flatterulme. Ulmen lieben feuchte Wälder, sie waren einst, als es um Leipzig überall noch sumpfig war, in unserer Region sehr häufig. Der Leipziger Auwald ist von Natur aus ein Ulmenwald. Dort wurde sie aber zugunsten der wirtschaftlich wertvolleren Eiche schon vor einigen hundert Jahren zurückgedrängt. Schwer geschädigt wurden die Ulmen durch den Ulmensplintkäfer. Der ist seit Anfang des vorigen Jahrhunderts bei uns nachgewiesen. Er bohrt in den Stamm der Ulmen Löcher, in denen er eine Pilzkultur anlegt, Wärme und Luftfeuchte werden vom Käfer sorgfältig reguliert, damit die Pilze optimal wachsen können. Die Pilze leben vom Holz und von den Pilzen lebt der Nachwuchs der Käfer. Es gibt eine ganze Reihe von Insekten, die so für ihre Jungen vorsorgen. Normalerweise schädigt das die Pflanzen wenig. Bei der Ulme beginnen die Pilze aber in die Wasserleitgefäße einzuwandern. Dadurch verstopfen sie und alles was oberhalb liegt, vertrocknet. Ungeklärt ist, ob der Ulmensplintkäfer vor reichlich hundert Jahren bei uns neu eingewandert ist oder ob er schon immer da war und die durch Umweltgifte geschwächten Ulmen nur den Pilz nicht mehr in Schach halten konnten. Auffällig ist jedenfalls, dass das große Ulmensterben begann als die Luftverschmutzung durch die Industrialisierung, vor allem durch die verstärkte Verfeuerung durch Braunkohle, erste schaurige Höhepunkte erreichte. Inzwischen gibt es halbwegs resistente Ulmenrassen und auch die Luftqualität ist viel besser, so dass Ulmen wieder gepflanzt werden und die einstigen Charakterbäume der Leipziger Landschaft wieder zurückkehren.

Ulmen blühen sehr früh und ihre Samen reifen, bevor die Blätter austreiben. Dazu bildet sich um die Samenanlagen der Ulmen ein blattartiger Rand, der Chlorophyll enthält. Er übernimmt über Fotosynthese die Ernährung der Samen. Die sind dadurch schon im Mai reif und können noch im selben Jahr beginnen zu keimen und zu wachsen, wenn sie auf günstige Bedingungen treffen.
Dr. Leonhard Kasek [13.08.2005]
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