Die echten Mäuse, Teil 1: Langschwanzmäuse
Langschwanzmäuse haben lange Schwänze, meist länger als der Körper, und große Ohren. Sie bauen in der
Erde nur Baue, sind aber sonst meist oberirdisch aktiv. Verwechselt werden sie mit den Wühlmäusen.
Die haben kurze Schwänze und sehr kleine Ohren. Langschwanzmäuse sind meistens harmlos, teilweise
sogar nützlich. Sie waren einmal elende Vorratsschädlinge, aber an modern gelagerte Vorräte kommen
sie nicht mehr heran. Ihren schlechten Ruf haben sie aber aus alten Zeiten bis heute bewahrt. Prototyp
ist die Hausmaus, besonders deren weiße Variante. Die bei uns häufige Brandmaus ist vielleicht das
erste europäische Haustier, das nicht als Nutztier, sondern nur zur Zierte und zum Spielen gehalten
worden ist. Am See kommen aus dieser Sippschaft noch vor: Waldmaus, Gelbhalsmaus und Wanderratte.
Feldmaus, Rötelmaus und Schermaus (auch als Wühlratte und Wasserratte bekannt) sind Wühlmäuse.
Es gibt nur wenige Tiere die so geliebt und zugleich gehasst, gefürchtet und verabscheut werden
wie Mäuse. Mausi und Mäuschen sind oft gebrauchte Kosenamen. Weiße Mäuse und sogar Ratten werden
immer noch als Haustiere und Kinderspielzeug gehalten. Das durchaus mit recht: sie sind
ausgesprochen anspruchslos und leidensfähig. Dazu kommt, dass sie leicht zahm werden und sehr
schnell lernen. In den 50er und 60er Jahren haben die Anhänger des Behaviorismus, eine
Theorierichtung der Lernpsychologie, Ratten sogar als Modell genutzt, um Lernprozesse zu
untersuchen, die so ähnlich auch beim Menschen ablaufen. Das Verb mausen zeigt nicht gerade in
eine sympathische Richtung und nicht wenige geraden richtig in Panik, wenn sie im Freien oder gar
im Haus eine wilde Maus sehen. Das ist völlig unangebracht. Die Tiere greifen nicht an und beißen
nur, wenn sie selbst angegriffen werden. Die echten Mäuse sind Allesfresser, ihre Nahrung besteht
reichlich zur Hälfte aus Tieren: Würmer, Insekten, Schnecken. Das restliche Futter ist pflanzlicher
Herkunft. Dabei wird kalorienreiche Nahrung bevorzugt: Reste menschlicher Nahrung. Nüsse, Samen,
Früchte. Wer Mäuse in eine Falle locken will, sollte am Besten Schokolade als Köder verwenden.
Die enthält alles was die Mäuse lieben: Zucker und Fett. Mit Schokolade fängt man Mäuse, weniger
mit Speck.
Wir haben eine verglaste Veranda, eine Art ungeheizten Wintergarten. Vor einigen Jahren sind
dort im Winter Brandmäuse aufgetaucht. Sie hatten sich unter dem Fundament durchgegraben.
Während ich noch grübelte, wie ich die wieder los werde, sah ich, dass die Brandmäuse an den
Kübelpflanzen herumkletterten, die dort zum Überwintern standen und die Blattläuse und andere
ungebetene Gäste abfraßen. Anschließend haben sie die zuckerhaltigen Ausscheidungen von den
Blättern abgeleckt. Von den Pflanzen selbst haben sie nichts gefressen, mit Ausnahme einer
höllisch scharfen Peperonischote. Den Pflanzen ist diese Mäusefürsorge blendend bekommen.
Unter diesen Umständen durften die Brandmäuse bleiben. Inzwischen sind als Wintergäste noch
Waldmäuse dazu gekommen und die haben längst gelernt, dass sie von uns nichts zu befürchten
haben. Warum sollten wir schon so zuverlässigen Pflanzenpflegern nachstellen? Ins Haus selbst
kommen sie nicht hinein. Allerdings können vor allem Waldmäuse und Gelbhalshalsmäuse sehr gut
klettern und kommen ohne Schwierigkeiten an Kletterpflanzen Hauswände hinauf und durch offene
Fenster oder Balkontüren auch in Wohnungen in den oberen Geschossen. Finden sie dort fressbares,
bleiben sie solange bis das aufgezehrt ist. Dauerhaft bleiben die wilden Mäuse allerdings nicht
im Haus. Die Hausmaus ist umgekehrt streng an Gebäude gebunden. Die Art ist wahrscheinlich erst
mit dem Getreideanbau im nahen Osten vor etwa 6000 bis 7000 Jahren entstanden und ist dann mit
dem Getreideanbau als Vorratsschädling auch zu uns gelangt. Zu den Langschwanzmäusen gehören
auch die beiden bei uns vorkommenden Rattenarten: die Hausratte und die Wanderratte. Die
Hausratte stammt ursprünglich aus Südostasien und lebt dort auf Bäumen. Bei uns kommt sie fast
nur in Gebäuden vor, vorzugsweise in den oberen Etagen und auf dem Dachboden. Sie hat sich wie
die Wanderratte als Vorratsschädling äußerst unbeliebt gemacht. In modernen Gebäuden finden sie
allerdings kaum noch etwas zu fressen und sind daher sehr selten geworden. Wanderratten leben
im Freien und dringen in die unteren Geschosse von Gebäuden ein. Sie sind überall dort häufig
wo sie reichlich kalorienreiche Abfälle finden. Wer Ratten bekämpfen will, darf vor allem keine
Essensreste und verdorbene Nahrungsmittel einfach ins Gelände werfen oder an für Ratten
zugänglichen Orten kompostieren. Rattenbekämpfung durch Gift oder Fangen ist wenig erfolgreich.
Wanderratten leben in großen Gruppen und sind sehr intelligent. Fast immer wird Neues erst
einmal durch einige Rangniedere Tiere probiert und erst wenn sich dabei zeigt, dass es harmlos
ist, nehmen das auch die anderen Tiere. Vor Jahren bei der DDR-Armee habe ich beim Postenstehen
um die Zeit zu vertreiben einen Versuch gemacht. Ich hatte reichlich überlagerte Pfefferkuchen
mitgenommen und auf dem Weg, auf dem ich zu patrollieren hatte eine Spur aus zerkleinertem
Weihnachtsgebäck gelegt. Nach etwa ½ Stunde tauchten die ersten Ratten auf. Eng an den Boden
gepresst, hinter jedem Grasbüschel und Erdklumpen Deckung suchend schlichen sie an waren bald
wieder weg ohne etwas zu fressen. Nach weiteren 10 Minuten kamen die nächsten, packten einige
Brocken und verschwanden. Dann nach etwa einer halben Stunde waren es plötzlich weit über
hundert. Vorn einige Späher, die sich relativ offen bewegten und beim leisesten Geräusch
oder Verdacht auf Gefahr die ihnen folgende Gruppe warnten. Die darauf sofort verschwand.
Die Späher zogen sich zurück, blieben aber. Geschah nichts, tauchte auch die Gruppe bald
wieder auf. Auf diese Weise arbeiteten sie sich innerhalb einer halben Stunde Pfefferkuchen
fressend bis auf ca. einen halben Meter an mich heran. Diese sonst quälend langsam vergehende
Postensteherei verging wie im Fluge. Irgendwann hatte ich dann das Gefühl, dass hinter mir etwas
nicht stimmte. Ich drehte mich um und sah, dass sich einige Dutzend Ratten hinter mir meine Tasche
mit meinem Essen vorgenommen hatten. Das war zuviel und ich musste die Tiere vertreiben, tief
beeindruckt von der perfekten Koordination innerhalb der Gruppe.
Als Studenten haben wir ausgestopfte Ratten genutzt, um uns auch in überfüllten Bussen einen
Sitzplatz zu verschaffen. Wir hatten die mit Watte und Draht gefüllten Bälge so in Brusthöhe in
unsere Anoraks gesteckt, dass nur der Kopf heraus sah und den liebevoll gestreichelt wie man das
mit Haustieren so macht. Im Nu stand oder saß im Umkreis von 2m niemand mehr um uns... .
Ratten sind endgültig zum verhasstesten aller heimischen Tiere geworden, seit der Nachweis
gelang, dass Rattenflöhe die Pest übertragen. Die Pest ursprünglich eine Rattenkrankheit und
trat bei den Tieren vor allem in Ostafrika und Südasien auf. Dort gibt es die Pest auch heute
noch. Durch moderne Antibiotika ist sie allerdings leicht zu bekämpfen, wenn schnell und kompetent
geholfen wird. Flöhe bleiben nur am Wirtstier solange sie dessen Blut saugen. Satt lassen sie im
Gegensatz zu Läusen von ihrem Opfer ab und verkriechen sich in dessen Nähe. Haben sie erneut
Hunger fallen sie wenn ihre Lieblingswirte fehlen auch andere warmblütige Geschöpfe an und können
dabei beim Blutsaufen auch die Pesterreger übertragen. Allerdings sind die großen Pestepidemien,
etwa 60% der an der Beulenpest erkrankten sind früher daran gestorben, fast immer in Notzeiten
nach Kriegen und Hunger aufgetreten und haben vor allem die sozial schwachen dezimiert. Inzwischen
steht fest, dass die Pest auch direkt von Mensch zu Mensch übertragen werden kann und vor allem
durch völlig unsinnige Abwehrmaßnahmen begünstigt worden ist.
Die Pest ist nicht von der Erde verschwunden, auch wenn sie in Europa nur noch sehr selten
auftritt und in der Regel gut zu behandeln ist. In Afrika und Südostasien, der alten Heimat
der erst durch den Menschen weltweit verbreiteten Wanderratten, fordert sie aber noch immer
Todesopfer. Ratten können beim Fressen von Abfall auch andere für den Menschen gefährliche
Krankheitserreger auflesen und durch von ihnen verschmutzte Lebensmittel (z.B. wenn man mit
Rattenurin oder Kot in Kontakt gekommen ist und sich vor dem Essen nicht die Hände gewaschen hat)
oder Bisse übertragen werden. Aber solche Übertragungen kommen nur sehr selten vor. Als Überträger
lebensgefährlicher Erkrankungen spielen Ratten bei uns keine Rolle mehr. Allerdings besteht die
Gefahr, dass sich durch zu häufigen und unsachgemäßen Gebrauch von Antibiotika in den Gebieten wo
es noch Pest gibt allmählich Pestbakterienstämme entwickeln die resistent gegen Antibiotika sind.
Auch in einige Labors wird versucht, Pestbakterien so zu verändern, dass als Mittel biologischer
Kriegführung oder bei terroristischen Anschlägen eingesetzt werden können. Sollte die Pest jemals
wieder zur Geißel der Menschheit werden liegt das nur an den Menschen selbst und nicht an den
Ratten. Noch in den 80er Jahren gab es in Leipzig wahrscheinlich mehr Wanderratten als Menschen,
trotz aller Bekämpfung. Inzwischen ist die Zahl der Ratten spürbar zurückgegangen, vor allem weil
Vorräte in modernen Lagern kaum noch zugänglich sind und Abfälle sicherer gelagert und deponiert
werden. Dazu kommt, dass die Zahl der Füchse enorm zugenommen hat, seit es in Leipzig keine
Fuchstollwut mehr gibt. Stadtfüchse fressen wie die Ratten Abfälle und Ratten und Mäuse, die sie
an Abfällen erwischen, gleich mit. Auch Greifvögel wie Eulen, der rote Milan oder der Mäusebussard
erbeuten Ratten und Mäuse. Auch andere Vögel wie Störche und Graureiher fressen gern und reichlich
Mäuse. Sogar Singvögel wie der Neuntöter oder der am Markkleeberger See vorkommende Raubwürger
fressen Mäuse. An Gewässern ist der auch in Grünau und am Kulkwitzer See vorkommende Iltis der
fleißigste Rattenjäger, aber auch andere Bewohner von Grünau und Umgebung wie Waschbären,
Marderhunde, Dachse und Marder fressen Ratten und Mäuse. Unter der Erde stellt ihnen der Maulwurf
nach, der vor allem die Nester aufspürt und die Jungen frisst. Eine Ausrottung der Mäuse würde
zahlreichen Tieren ihre wichtigste Beute nehmen und sie damit ebenfalls ausrotten. Dass das leider
gar nicht so unwahrscheinlich ist, zeigt die Ausrottung des mit den Wühlmäusen verwandten Hamsters
nicht nur in Sachsen. Dort wo Ratten und Mäuse Schaden anrichten müssen sie bekämpft werden, vor
allem aber sollten wir sie nicht durch ins Gelände geworfene Abfälle füttern. Aber Schaden richten
sie nur an, wo wir ihnen die Gelegenheit geben. Nehmen wir ihnen diese Gelegenheiten und lassen sie
ansonsten als wichtigen Bestandteil unserer heimischen Natur in Frieden.
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