Eine wilde Nachbarin: Die Amsel
Der Spatz als Vogel des Jahres 2002 soll auf die Lage der Vögel aufmerksam machen, die uns Menschen in die Städte
gefolgt sind. Ein weiterer häufiger Nachbar in Grünau ist die Amsel. Sie ist so bekannt, dass sie nicht
beschrieben werden muss. Im Gegensatz zum Spatzen, der unsere Vorfahren schon seit der Zeit begleitet, als
diese ihre ersten festen Siedlungen bauten, folgt uns die Amsel aber erst seit etwa 150 Jahren. Bis dahin war
sie ein scheuer und seltener Waldvogel, der den Winter am Mittelmeer verbrachte.
Amseln galten wie auch die anderen heimischen Drosselarten als geschätzte Delikatesse und wurden eifrig
gejagt. Unter diesen Umständen blieben zum Überleben nur schwer zugängliche Waldgebiete. Als Mitte des
19. Jahrhunderts gebratene Drosseln von den Tischen unserer Vorfahren verschwanden, in den Städten Grünanlagen
und Kleingartenkolonien entstanden und sich ein neues, positiveres Verhältnis zur Natur herausbildete,
änderte sich das. Langsam besiedelten Amseln zunächst Kleingärten und Vorstädte, später rückten sie bis
in die Stadtzentren vor. So richtig ist dieser Prozess übrigens erst in den letzten Jahrzehnten in Fahrt
gekommen und in Nordosteuropa sind die Amseln gerade erst dabei Städte als Lebensraum zu entdecken.
Bei der Eroberung der Städte haben sich die Lebensgewohnheiten erheblich geändert. Das ist eine Ursache ihres
großen Erfolges. Die Waldamseln fressen Beeren, andere Früchte, kleine Schnecken, Würmer und Insekten. In
der Stadt fressen sie alles verwertbare, wenn es nur nicht zu hart ist. Harte Kost wie Körner können sie
mit ihrem relativ dünnen Schnabel nicht fressen. Auch bei der Wahl des Brutplatzes sind sie nicht
wählerisch, selbst die alte Neonleuchtreklame musste als Nistplatz schon herhalten, vorzugsweise der
Buchstabe O. Licht und wohlige Wärme dort, auch im Winter, luden ein, schon im Januar mit dem Brüten
zu beginnen.
Auch in Balkonkästen brüten gelegentlich Amseln. Menschenscheu sind sie schon lange nicht mehr. Statt
zweimal wie früher im Wald brüten einige Stadtamseln auf diese Weise ausnahmsweise bis sechsmal im Jahr.
Bei solcher Vermehrungsfreude wird der Amselbestand auch durch die zahlreichen verwilderten Katzen und
nächtliche Räuber wie Marder, Iltis oder neuerdings wahrscheinlich auch in Grünau Waschbären nicht
ernsthaft gefährdet.
Die Stadtamseln fliegen im Winter nicht mehr in den Süden, das tun nur noch die Waldamseln, die es
immer noch gibt. Wer weiß, vielleicht entwickelt sich hier sogar eine neue Drosselart. Mit den
"richtigen" wilden Amseln haben unsere Stadtamseln jedenfalls nicht mehr viel gemeinsam. Im Moment
sind übrigens andere Waldvögel dabei, Städte als Lebensraum zu entdecken, so zum Beispiel die
Singdrossel, eine Verwandte der Amsel, die im Auwald recht häufig ist.
Wenn wir Menschen der wilden Natur nur etwas Beachtung schenken, können viele Tiere mit uns leben.
Heimische Sträucher und "wilde" Blumen bieten Deckung und Nahrung. Ein paar richtige Unkrautecken
und der Verzicht auf Gift gegen Insekten und "Unkraut" erweitern das Angebot. So werden aus
Kulturflüchtern Kulturfolger. Mensch und Natur können ganz gut miteinander leben, wenn wir die
wilde Natur nicht als Feind sehen, der bekämpft, kultiviert, auf unser Schönheitsempfinden zurecht
gestutzt werden muss.
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