Die Drosselverwandtschaft

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Zur Singvogelfamilie der Drosseln gehören die stimmgewaltigsten Sänger unter den einheimischen Vögeln. Die Familie wird daher oft auch einfach als Sänger bezeichnet. Zu ihr gehören unter anderem: Rotkehlchen, Nachtigall, Grauschnäpper, Trauerschnäpper, Hausrotschwanz, Amsel, Singdrossel, Wacholderdrossel, die alle in Grünau und am Kulkwitzer See vorkommen.

Die Drosselverwandtschaft - Teil 1: Die bekannteste Vertreterin der Familie ist die Amsel

Die bekannteste Vertreterin der Familie ist die Amsel. Sie muß nicht näher vorgestellt werden. Amseln waren bis vor 150 Jahren scheue und seltene Waldvögel. Seit sie nicht mehr gejagt und gegessen werden, sind sie in die Dörfer und Städte eingewandert. Durch ihre extreme Anpassungsfähigkeit sind sie inzwischen überall sehr häufig. Der lange dünne Schnabel weist die Amseln wie alle Vertreter der Familie als Insektenfresser aus. Sie fressen aber auch weiche Pflanzenkost und Lebensmittelreste. Besonders unbeliebt machen sie sich durch ihre Vorliebe für Erdbeeren und Kirschen. Auch andere weiche Früchte fressen sie gern. Amseln fressen aber auch Schnecken und so nehme ich die Erdbeeren, die sie bei uns im Garten klauen, als Lohn für ihre Arbeit bei der Zurückdrängung der Schneckenplage.

Auch bei der Suche nach Nistplätzen sind Amseln nicht wählerisch. Selbst die inzwischen aus der Mode geradenen Neoleuchtreklame haben sie nicht verschmät, bevorzugt waren die Buchstaben U und L. Bei uns haben sie ein Nest auf die Lampe über der Haustür gebaut, völlig unbeeindruckt davon, dass die mit einem Bewegungsmelder ausgestattet laufend an und aus ging. Solcher Art mit Fußbodenheizung ausgestattet und durch das Licht in der Nacht getäuscht, beginnen sie manchmal schon im Januar zu brüten und schaffen dann bis zu 6 Bruten im Jahr, normal sind zwei. Die Hauptarbeit leisten dabei die Weibchen. Aber sobald Gefahr droht, steigen die Männchen voll ein: Vor zwei Jahren hatten wir ein Nest in den Ranken einer Clematis direkt am Fenster, so dass wir beim Füttern zusehen konnten. Nahte ein Gewitter oder Sturm verschwandten die Damen und die Männchen übernahmen es, die Jungen zu schützen. Beim Füttern hilft das Männchen, aber bei ruhigem Wetter fliegen die Weibchen häufiger. Die Männchen vertreiben derweil Konkurrenten aus dem Revier. Das müssen sie auch, denn die Amseldamen sind wie alle Singvögel nicht treu. Wenn sie bei der Partnerwahl keinen Supermann erwischt haben, paaren sie sich mit jedem Männchen, das vorbei kommt, wenn das stärker und gesünder aussieht als das eigene. Etwa 20% der aufgezogenen Jungen stammen nicht vom eigenen Männchen. Das alles geschieht heimlich und sehr schnell, denn werden die Weibchen beim Fremdgehen erwischt, dann verlässt das Männchen die Untreue und die Chancen, den Nachwuchs aufzuziehen sinken dramatisch. Die Auffälligen Gesänge und das Werben um die Weibchen dienen vor allem dem Aufbau einer festen und stabilen Partnerschaft, ohne die die erfolgreiche Aufzucht der Jungen nicht möglich ist. Durch das Fremdgehen erhöhen die Weibchen die Chance, gesunden und kräftigen Nachwuchs zu bekommen.

Der Gesang der Männchen dient vor allem der Reviermarkierung und der Partnerbindung. Hilft das nicht, Konkurrenz zu vertreiben, können aber Amselhähne auch ziemlich aggressiv werden. Amseln haben sich aber auch sonst einiges zu sagen. So warnen sie vor Feinden und teilen dabei auch gleich mit, ob sich ein Raubtier am Boden anschleicht oder ein Raubvogel aus der Luft herangeschossen kommt. Diese Warnlaute lassen sich in der Regel nur schwer orten, um dem Feind keinen Hinweis auf den Standort der Amseln zugeben. Es gibt aber immer wieder einzelne Amseln, die mit gut lokalisierbaren Rufen warnen. Sie nehmen damit ein erhöhtes Risiko auf ich, erwischt zu werden, lenken aber den Räuber von den anderen Amseln vor allem von unerfahrenen Jungvögeln ab und erhöhen damit die Überlebenschance der gesamten Familie.

Früher waren Amseln Zugvögel, einzelne ziehen auch immer noch ans Mittelmeer. Die meisten der Stadtamseln bleiben aber inzwischen hier. Die milden Winter und das reichliche Nahrungsangebot machen das Überwintern möglich und bei der Reviersuche haben die Zugvögel das Nachsehen, wenn sie zurück kommen, sind die besten Plätze bereits besetzt.

Die Drosselverwandtschaft - Teil 2: Die kleine Schwester der Amsel, die Singdrossel

Die kleine Schwester der Amsel, die Singdrossel, ist gerade dabei, ebenfalls aufzuhören zu ziehen und bei uns zu überwintern. Der Name Singdrossel täuscht: sie können längst nicht so kraftvoll und melodisch singen wie die Amseln. Singdrosseln ähneln Amselweibchen, sind aber etwas kleiner und der Bauch ist heller und dunkel gefleckt. Sie sind nicht so häufig wie Amseln, aber überall wo es reichlich hohe Bäume und viel Gebüsch gibt trifft man sie an. Die dritte Drossel, die Wacholderdrossel ist am See am seltensten. Auch sie ist zumindest dem Namen nach jedem bekannt: als Krammetsvogel aus dem gestiefelten Kater. Wacholderdrosseln sind etwas größer als Amseln und deutlich abwechslungsreicher gefärbt, schwarze, graue, rötliche, braune und weiße Töne dominieren. Sie brüten in Kolonien und sind besonders im Winter in kleinen Trupps unterwegs. Im Februar war so ein Schwarm in unserem Garten. Innerhalb weniger Stunden hatten sie alle Hagebutten abgefressen. Der sonst so aggressive Amselhahn, der sonst von "seinem" Hundsrosenstrauch alle anderen Singvögel vertrieb, hatte gegen die kräftigere und gefräßige Verwandtschaft keine Chance.

Die Drosselverwandtschaft - Teil 3: Die Nachtigallen

Auch die Nachtigallen sind in Grünau und am See recht häufig. Wer zum ersten Mal die legendäre Sängerin im
Gebüsch oder im Baum entdeckt, ist vielleicht enttäuscht von ihrem schlichten Aussehen. Männchen wie Weibchen der Nachtigall sind bräunlich gefärbt, nur die Unterseite ist graubraun und geht an Kehle und Bauch in Grauweiß über. Die Nachtigall bewegt sich am Boden hüpfend fort, ähnlich einem Rotkehlchen, mit dem sie auch verwandt ist. Der Schwanz wird oft angehoben getragen und immer wieder langsam auf und ab bewegt. Ab Mitte August zieht die Nachtigall einzeln und nachts gen Süden. Ihr Überwinterungsgebiet erstreckt sich von Senegal und Guinea bis Somalia, Kenia und Nordtansania. Die Alpen, das Mittelmeer und die Sahara bilden für sie keine Hindernisse. Die Savannen südlich der Sahara erreicht sie ab Anfang September, danach verlangsamt sich der Zug ins Winterquartier. Mit etwas mehr Tempo fliegt die Nachtigall im März wieder zurück in die Brutgebiete. In Deutschland erscheinen die ersten Nachtigallen ab Anfang April. Ab Mitte bis Ende April sind sie dann auch bei uns wieder zu hören. Nach der Ankunft bei uns besetzt das Nachtigallenmännchen sofort ein Revier und beginnt zu singen. Die Weibchen treffen ein paar Tage später ein, vermutlich dient der Nachtgesang der Männchen zum Anlocken der nächtlich ziehenden Weibchen. Aber Nachtigallen singen keineswegs nur nachts, sondern auch am Tage, vor allem bei trübem Wetter. Der Gesang dient ja auch der Verteidigung des Brutrevieres. Nachtigallen singen meist im dichten Gebüsch in etwa 3 bis 5 m Höhe. Nur wenn Mittags die Sonne voll herunter brennt, sind sie still.

Das Nachtigallennest liegt sehr versteckt im Halbschatten, meistens direkt auf dem Boden oder dicht darüber in der Krautschicht. Das Nest ist geformt wie ein tiefer Napf, gebaut wird es aus Falllaub, Krautstängeln - vor allem Brennnesseln -, Grashalmen, feinen Zweigen und Wurzeln. Die Mulde wird mit feinem Material glatt ausgelegt. Das Weibchen bebrütet die Eier für rund zwei Wochen und wird dabei in den ersten Tagen häufig vom Männchen besucht und gefüttert. Nach dem Schlüpfen werden die Nestlinge von beiden Eltern gefüttert, bis sie nach etwa elf Tagen - noch nicht voll flugfähig, wie die meisten Bodenbrüter - das Nest verlassen. Ein kühles, nasses Frühjahr kann zu Brutverlusten bis zu 90 Prozent führen. Die Nachtigall hüpft suchend unter Sträucher und in schüttere Krautbestände und pickt Beutetiere vom Boden auf. Sie stürzt sich aber auch von Warten aus auf Bodenbeute oder springt hoch, um Beute aufzunehmen. Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus Insekten und deren Larven. Im Spätsommer frisst sie zusätzlich Beeren und saftige Früchte, wie Johannis- und Holunderbeeren.

Die Nachtigall ist wohl die bekannteste Sängerin unserer Vogelwelt. Ihr Gesang sei "so ausgezeichnet eigen, es herrscht darin eine so angenehme Abwechslung und eine so hinreißende Harmonie, wie wir sie in keinem anderen Vogelgesange wiederfinden", heißt es schon in der "Naturgeschichte der Vögel Deutschlands". Berühmte Komponisten haben sich von der Meistersängerin inspirieren lassen und ihren Gesang in Kompositionen nachempfunden: Ludwig van Beethoven etwa in seiner 6. Sinfonie, Johann Strauß in der "Nachtigallen-Polka" und Igor Strawinsky im "Lied der Nachtigall".

Der Gesang dient dem Anlocken von Weibchen, aber auch der Verständigung zwischen Reviernachbarn. Eine Nachtigall beantwortet die Strophe eines Nachbarn entweder unverzüglich oder verzögert mit einer möglichst ähnlichen Strophe. Das schnelle Kontern hat offensichtlich die Funktion eines Drohsignals.

Bis zu 260 unterschiedliche Strophentypen beherrscht die Nachtigall. Die meisten der zwei bis vier Sekunden langen Strophen beginnen mit leisen Anfangstönen, die oft die Imitation eines Vogelrufes enthalten. Darauf folgen laute, rhythmisch wiederholte Silben, die klangvoll, aber auch schnarrend oder ratternd klingen können und als "Nachtigallenschlag" bekannt sind. Besonders typisch sind die nachts zu hörenden Pfeifstrophen: Die Nachtigall trägt dabei eine oft lange Serie von gedehnten, reinen Pfeiftönen vor, die einen weichen, wehmütigen Charakter haben können. Es entsteht der Eindruck eines Schluchzens. Innerhalb einer Stunde kann ein Nachtigallenmännchen mehr als 400 Strophen nacheinander vortragen. Es gibt große Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen, aber offenbar auch einen größeren Grundbestand an gemeinsamen Strophentypen. Nachtigallen ahmen angebotene Strophenmuster in eigenen Versionen nach. Darüber hinaus entwickeln sie jedoch auch losgelöst von der Vorgabe individuelle Strophentypen. "Und damit niemand daran zweifle, dass solches aus der Kunst komme, so haben sie nicht all einen gleichen Gesang, sondern eine jegliche ihren besonderen", schrieb bereits im Jahr 1555 der Vogelkunde-Pionier Conrad Gesner. Zweijährige Nachtigallen haben ein größeres Repertoire als einjährige, die neuen Strophen haben sie aber, wie experimentell geklärt werden konnte, schon in den ersten Lebenstagen erlernt.

In Grünau kommen sie überall vor, wo es ausreichend hohe, dichte Gebüsche aus einheimischen Sträuchern gibt. Tujahecken und viele Ziersträucher meiden sie wie alle anderen Singvögel auch. Besonders gern brüten sie in der Nähe von Wasser. Zentrales Element des Brutrevieres ist jedoch die Vegetationsstruktur des Geländes: Reicher Unterwuchs und eine Bodenschicht aus verrottendem Laub müssen vorhanden sein, damit sich eine Nachtigall ansiedelt. Der Unterwuchs kann aus dicht schließendem Gebüsch, Hecken oder jungem Baumaufwuchs mit einer dichten Kraut- und Staudenschicht bestehen, eine Pflanzendecke, die dem Vogel Nahrung, Versteckmöglichkeiten und einen schattigen Platz für ihr bodennahes Nest bietet.

Welche Größe das Revier haben muss, hängt in erster Linie von seiner Qualität ab; bei reichlich vorhandenen Sträuchern und ergiebigem Nahrungsangebot, kann eine Fläche von 1300 Quadratmetern ausreichen. Sind die Bedingungen weniger günstig, benötigt die Nachtigall bis zu 20.000 Quadratmeter, um ihren Nahrungsbedarf zu decken. Die Reviere der Erstansiedler werden oft durch die Ankunft weiterer Nachtigallen verkleinert. Bei hoher Siedlungsdichte müssen sich die spät eintreffenden, meist einjährigen Männchen am Rande des Gebietes unter weniger optimalen Bedingungen ansiedeln. Da in Grünau und am See vor allem heimische Wildsträucher gepflanzt worden sind, die stellenweise auch dichte Bestände mit starkem Wildkrautwuchs bilden. Auch Gärten besiedeln Nachtigallen, wenn es dort ausreichend heimische Sträucher gibt, unter denen das "Unkraut" frei wachsen darf. In gut gepflegten Gärten, in denen jeder Unkrauthalm sofort vernichtet wird, finden sie keinen Lebensraum.

Noch steht die Nachtigall nicht auf der Roten Liste der bundesweit vom Aussterben bedrohten Vogelarten. Doch so viel wie es scheint, sind die geschätzten 95.000 Brutpaare in Deutschland auch nicht. Zum Vergleich: Wirklich häufige Vögel wie etwa die Kohlmeise bringen es auf rund zehn Millionen Paare. Nachtigallen konzentrieren sich mehr und mehr auf wenige Lebensräume wie Auwälder, Waldränder und Feldgehölze - und auch diese Habitate sind bedroht. Tun wir jetzt etwas, bevor es für eine Umkehr zu spät ist. In Leipzig sind die schlimmsten Feinde der Nachtigallen und vieler anderer Singvögel ordnungswütige Bürger und Kleingärtner, die jeden Wildwuchs heftig bekämpfen.

Die Drosselverwandtschaft - Teil 4: Das Rotkehlechen

Ähnliche Ansprüche wie die Nachtigall stellt auch das Rotkehlchen. In größeren Gärten kann es sogar brüten. Hingegen meidet es selbst ausgedehnte Schrebergartensiedlungen, wenn dort allzu pedantisch gegen jede Form von Wildwuchs vorgegangen wird. Ein Rotkehlchen erkennt seine Nachbarn an der Stimme. Spielt man einem Revierbesitzer verschiedene Rotkehlchenstimmen vor, reagiert er mit heftigem Gegengesang. Wurde jedoch die Stimme des Nachbarn abgespielt, so war die Reaktion viel gemäßigter. Das ist auch sinnvoll, denn mit seinem Nächsten war der Besitzer schon in etwa einig, was auch viele Verhaltensbeobachtungen zeigen. Nicht jedoch, wenn die Stimme des Nachbarn plötzlich von der "falschen" Seite kam, wo ein anderes Revier lag. Bei solcher Unzuverlässigkeit erhielt er dieselbe Portion Abwehr-Rabatz wie jedes fremde Rotkehlchen.

Hielt sich die Nachbarstimme aber an die Revier-Abmachungen, so konnte sie sogar eher "ausreden" als eine fremde. Der Revierbesitzer "fiel" den Fremdstimmen eher in den Gesang als seinem Nachbarn.

Das Rotkehlchen ist berühmt für seine in Europa einmalige Unerschrockenheit. Bis auf einen Meter gesellt es sich auch völlig fremden Menschen zu. Mir ist es schon mehrfach passiert, dass ein Rotkehlchen bei der Gartenarbeit fast unter meiner Nase herum turnte, um von mir freigelegte Regenwürmer und Insekten zu erbeuten, bevor die scheuere Konkurrenz wie Amseln und Rotschänzchen zum Zuge kam. Wahrscheinlich lernen junge Rotkehlchen schon von ihren Eltern, dass es vorteilhaft und ungefährlich ist, eng am Gärtner dran zu bleiben. Bei Bedarf können Rotkehlchen aber Störenfriede auch geschickt täuschen. Wenn das Weibchen z.B. zum Nestbau mit einem neuen Materialtransport herbeihüpft, wobei es oft soviel Blätter im Schnabel hat, dass es dahinter selbst kaum noch zu sehen ist, dann achtet es durchaus auf fremde Späherblicke. Fühlt es sich beobachtet, so kann es sein, dass es so tut als wäre das Nest ganz woanders. Es trägt dann das Material erst einmal dort hin und kommt erst später, dicht am Boden jede Deckung nutzend, zu seinem tatsächlichen Nistplatz zurück. Anpassungsfähig, wie sie sind, können sie ihre napfförmigen Nester aus Moos, Halmen und Wurzeln aber auch an leicht erhöhten Plätzen in Nischen und kleinen Höhlen Bauen. Manchmal wird sogar noch ein kleines Blätterdach darüber errichtet. Konstrukteur und einziger Bauarbeiter ist das Weibchen. Rotkehlchen brüten an ähnlichen Plätzen wie Nachtigallen, sehr gern zum Beispiel in dichtem Brombeergestrüpp Sie nehmen auch Nistenkästen an, wenn sie am richtigen Platz (im dichten Gebüsch mit viel Unterwuchs und in Bodennähe) angebracht sind und Räuber mit der Pfote nicht hinein langen können.

Rotkehlchen brüten normalerweise 12 bis 15 Tagen bis die Jungen schlüpfen. Dem Nachwuchs wird beim Weg aus dem Ei geholfen. Die Vogelmutter nimmt nicht nur die Schalen ab, sondern trägt sie auch noch Dutzende von Metern weit fort, weil sie im Nest zu auffällig wären. Mäuse, Ratten, Wiesel, Eichhörnchen, Eichelhähern und andere Nesträuber würden sonst das Nest plündern. Doch dank guter Geheimhaltung wird aus mehr als jedem zweiten Ei ein Junges flügge. Kinderreichtum ist auch vonnöten, denn Rotkehlchen haben ein kurzes Leben. Normalerweise dauert es nur bis zum nächsten Herbst. Es gibt aber auch Rotkehlchen, die zehn Jahre alt geworden sind. Bei solcher Sterblichkeit ist der nötige Nachwuchs mit nur einer Brut nicht zu bekommen. Wegen der Doppelbelastung durch zwei Bruten zieht sich die Brutzeit von Mitte April bis August hin. Nur das Weibchen brütet. Beide Eltern füttern den ewig hungrigen Nachwuchs und entfernen auch die Kotsäcke aus dem Nest. Manchmal wird dieser Abfall sogar bis in das Revier fremder Rotkehlchen getragen, und erst dort fallengelassen. Erstaunlich geschlossen wird nach 13 bis 15 Tagen das Nest verlassen. Auch außerhalb des Nestes sind die Jungen noch nicht nahrungserwerbsfähig. Frühestens am achten Tag sind sie soweit. Die Jugend verstreut sich zuweilen übers ganze Revier. Sie kann aber auch als Gruppe auftreten. Nicht selten kommt es auch zur Aufteilung des Nachwuchses. Dann übernimmt der Vater den einen Teil, die Mutter den anderen. Doch wenn noch eine zweite Brut fällig ist, überlässt das Weibchen die weitere Versorgung dem Männchen und beginnt umgehend mit dem Bau eines zweiten Nestes. Bei so kooperativem Betrieb im Rotkehlchenrevier ist es nicht verwunderlich, dass Rotkehlchen sehr kommunikative Vögel sind. Schon die Jungen können einander gegenseitig warnen. Wenn die älteren ein Not-Zischen ausstoßen, verlassen die jüngeren das Nest.

Das ganze Jahr über kann man sie hören, vor allem die Männchen zwischen März und Mai. Es gibt auch keine Tageszeit, zu der sie immer schweigen würden. Sie singen schon etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang und noch eine gute Zeit nach Sonnenuntergang. Dies dürfte auch ein Grund für ihre großen Augen sein. Für ihre Dämmerungs- und Mondscheinaktivitäten müssen sie viel Licht einfangen. An künstlichen Lichtquellen, an Straßenlampen und Fenstern kann es sogar nachts auf Insektenjagd gehen. Ihr Gesang ist sehr vielfältig. Bei einem Rotkehlchen wurden nicht weniger als 275 Motive nachgewiesen, obwohl diese schwer zu fassen sind, da sie fortlaufend geändert werden.

Das Grundprinzip ist einfach: Melancholie. Eine Strophe von 2,5 Sekunden beginnt normalerweise tief, strebt auf und endet wieder tief. In diesem Wehmut aber wird gespottet. Spotten nennen die Ornithologen die Nachahmung der Gesänge anderer Vogelarten und auch ganz anderer Geräusche. So ahmen z.B. Stare häufig das Klingeln der Handys nach, wenn sie in ihrer Kinderstube die Melodien, die Handys so von sich geben, häufiger gehört haben. Schon als Jungvögel beginnen die Rotkehlchen andere Vögel zu imitieren. Meisen, Buchfink, Zilpzalp, Fitis, Goldammer und sogar der Überschlag der Mönchsgrasmücke klingen in dem kleinen Erdsänger mit.

Revierverteidigungsgesang und Anrufung der Weiblichkeit lassen sich unterscheiden. Gesang ohne "Anlass" richtet sich an vorüberziehende Weibchen. Diese Werbung lässt stark nach, wenn eine Verpaarung zustande kam. Kommt es aber gleich darauf wieder zur Trennung, so kann innerhalb von Stunden der Gesang in alter Stärke wieder ertönen. Revieranzeigegesang hingegen wird in aller Regel durch einen Eindringling ausgelöst. Diese Weisen sind geringfügig höher und kürzer als normal. Auch das Weibchen kann singen. Es singt zwar sehr ähnlich wie das Männchen, aber leiser und seltener. Rotkehlchenweibchen nehmen sich zuweilen ein Winterrevier nahe ihrem Brutplatz und verteidigen es mit stärker werdendem Gesang. Außer ihrem Gesang haben Rotkehlchen noch zahlreiche Rufe für die verschiedensten Zwecke. Sie ähneln sich meist recht stark und beginnen im Munde menschlicher Imitatoren mit "zi...". Am bekanntesten ist das "Schnickern", bei dem eine Reihe von "zik"-Elementen eine Störung kundtut.

Auch mit Menschen kann es so verkehren. Ein zahmes Rotkehlchenweibchen kann Bettelrufe an sie richten. Diese Rufe ergehen normalerweise an das Männchen, von dem Futter erwartet wird. Wird es ergriffen, so kann es einen trillernden Schreckruf fahren lassen. Schreitet ein Weibchen zur Fütterung der Nestlinge, so rühren sich diese zunächst nicht, egal wie sehr das Nest wackelt. Erst ein leise schnatternder Fütterruf löst das Aufsperren der Schnäbel aus. Die Nestlinge ihrerseits haben ab dem siebten Tag zwitschernde Bettellaute. Unter ausgewachsenen Vögeln sollen Stimmfühlungslaute den Kontakt aufrecht erhalten. Dazu gibt es das "dib". In Gruppen ziehender Vögel ist eher "Trietsch" der gute Umgangston. Gesang dient nicht nur zur Revierbesitz-Anzeige, er ist auch die Hauptwaffe, mit der um diesen Besitz gekämpft wird. Zunächst gibt es den Sängerkrieg, bei dem die Kontrahenten mitunter mit 100 Dezibel die Lautstärke einer Schmiedewerkstatt erreichen. Schon da kann der Revierbesitzer merken, dass er den Kürzeren ziehen wird. Dann hört er auf zu singen, treibt sich noch ein Weilchen stumm in seinem verlorenen Reich herum und zieht schließlich ab. Erst wenn keiner nachgeben will, verkrallen sich die Widersacher ineinander und versuchen den Gegner am Boden festzuhalten und ihm die Augen auszuhacken. Solche Konflikte können manchmal Stunden dauern, obwohl im Normalfall nach 30 Minuten alles entschieden ist.

Nicht nur fremder Gesang wirkt erregend. Auch das orangerote Gefieder zwischen Stirn und Hinterbrust löst Aggressionen aus. Bei der Verteidigung der Reviere helfen oft auch die Weibchen mit. Weibchen und Männchen halten gut zusammen, obwohl sie im Grunde eine so genannte Ortsehe führen. Sie kommen also zusammen, weil es sie zufälligerweise gerade zu demselben Ort hingezogen hat. Meist gibt ein Weibchen sein Herbstrevier auf, und ist schon einen Tag später mit einem ihrer Nachbarn verpaart. Das kann bereits im Januar passieren. Nicht selten sucht aber ein Weibchen aktiv einen weiter entfernten Partner. Es kommt auch regelmäßig vor, dass Weibchen und Männchen nach wenigen Tagen bis Wochen wieder auseinander gehen. Immerhin muss ja das Männchen den Schock einer weiteren roten Brust in seinem Revier überwinden. Zuweilen dauert es Tage, bis es nicht mehr vor seinem Weibchen ausreißt.

Haben sich die beiden aneinander gewöhnt, so kommt erst einmal eine Zeit der gegenseitigen Nichtbeachtung, denn das Geschlechtsverhalten ist anscheinend mit dem Nestbau gekoppelt. Die Insektenjagd findet meist am Waldboden statt. Das Rotkehlchen sitzt auf einem Ast bis zu sechs Meter über dem Boden. Auf eine Entfernung von acht Metern kann es noch einen Mehlwurm am Boden entdecken. Sofort stürzt es sich auf die Beute und fliegt zum Verzehr damit wieder auf einen Ast. Es gibt aber auch die aktive Suche am Boden. Dabei wird so manches abgefallene Blatt gewendet. Normalerweise bewegt sich das Rotkehlchen hüpfend, nur ausnahmsweise macht es auch mal einen bis drei kleine Schritte. Im Herbst frisst es auch Beeren. Rotkehlchen gehören zu den Vögeln, die ohne weiteres ins Wasser gehen. Zum einen jagen sie in seichten Gewässern nach Wasserinsekten und kleinen Fischen, zum anderen baden sie passioniert. Rotkehlchen baden jeden Tag, meist am Abend.

In den letzten Jahren dringen Rotkehlchen verstärkt aus Parks und Wäldern in Gärten und Siedlungen vor. Die meisten Rotkehlchen überwintern bei uns. Sie kommen auch ans Futterhäuschen. Körner können sie aber nicht fressen. Getrocknete Beeren oder fettgetränkte Haferflocken (ohne Salz!) bzw. spezielles Weichfutter fressen sie aber gern.

Die Drosselverwandtschaft - Teil 5: Der Hausrotschwanz

Eine andere Lebensweise hat der Hausrotschwanz. Ursprünglich ist er ein Bewohner von Felsenlandschaften, der es aber längst gelernt hat, Häuser als komfortable Ersatzfelsen zu nutzen. Die Nester werden in Mauerlöcher, auf Simsen oder Balken unter Dachvorsprüngen oder in Halbhöhlennistkästen gebaut. Der Gesang der Rotschwänze ist unverkennbar. Wohlklingend ist er nicht, erinnert ein wenig an kratzen und krächzen: nach einem jirr-tititititi folgt nach einer kurzen Pause zchr-chz-tritüti. Hausrotschwänze sind wie die Singdrosseln dabei aus den immer milderen Wintern Konsequenzen zu ziehen: die ersten haben schon aufgehört zu ziehen. Die Zugvögel gehören im Frühjahr zu den ersten, die wieder hier sind. Schon Mitte Februar kommen die ersten an und bleiben im Herbst am längsten. Die letzten ziehen erst Anfang November, soweit sie nicht gleich ganz hier bleiben.

Kurz erwähnt werden sollen auch die Fliegenschnäpper. Sie sind unscheinbar, wenig bekannt und auch nicht sehr häufig. Sie brüten in Höhlen hoch auf Bäumen, auch in Nistkästen. Der Grauschnäpper brütet auch an Gebäuden. Ihr Handykap ist der Mangel an Bruthöhlen: Sie kommen erst Mitte bis Ende April aus dem Winterquartier zurück. Dann sind die meisten geeigneten Bruthöhlen bereits von anderen Arten besetzt.

Charakteristisch ist ihre Jagd: Sie sitzen auf Ästen, Gebäudevorsprüngen oder anderen erhöhten Punkten und warten auf fliegende Insekten, die sie dann im Flug erbeuten. Von diesem Verhalten haben sie ihren Namen. Im Herbst fressen sie auch Beeren. In Grünau und am Kulkwitzer See kommen beide Arten: Trauerschnäpper (wegen der schwarzen Färbung der Männchen) und Grauschnäpper (graubraun, unscheinbar) vor.
Dr. Leonhard Kasek; Fotos - Quelle: www.nabu.de [28.07.2005]
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