Leserbrief zum Thema Ente Billy am Roten Haus
Leserbrief - zu "Ente Billy" aus Grün-AS 07/2003. Am 16. Juli wurde folgender Brief an
unsere Redaktion geschrieben:
Liebe Billy-Ente,
na das muss ja für dich ein ganz schönes Abenteuer gewesen sein, letztens mit deiner Oma am "Roten Haus".
Manchmal ist es eben echt nicht leicht, die Menschen zu verstehen - und wenn dann auch noch ganz viele
Jugendliche auf einem Fleck zu finden sind, kann man sich als kleine Ente auch schon mal ein bisschen
fürchten. Aber das ist das Leben - nicht immer leicht, aber immer real. Es würde diesen Rahmen hier
sprengen, wenn ich dir versuchen würde zu erklären, was es mit den Menschenkindern so auf sich hat.
Aber ich bin sicher, du wirst da auch selbst bald dahinter steigen, nämlich dann, wenn du ganz allmählich
zum richtigen Erpel heran wächst. Dann wird dir das garantiert irgendwann viel zu langweilig, immer nur
hinter deiner Oma herzuschwimmen und machen zu müssen, was sie so alles sagt. Du würdest dann viel
lieber ganz woanders sein, zusammen mit deinen gleichaltrigen Freunden und den immer schicker werdenden
jungen Entenmädels. Und wenn ihr euch dann gegenseitig von euern Abenteuern erzählt und versucht,
vor den Entengirls eine gute Figur zu machen, gibt das bestimmt auch ziemlich schnell ein lautstarkes
Geschnatter.
Kann sein, dass dann schon mal ein paar alte Gänse vorbei kommen und sich altklug über diesen
Lärm beschweren (obwohl die früher garantiert auch nicht anders waren ...). Wahrscheinlich wird
auch der Platz, an dem ihr euch trefft, ein wenig ungeordneter aussehen, als du das aus Omas
Wohnstube gewohnt sein dürftest. Junge Enten brauchen für ihre ersten Flugversuche eben viel Raum,
auch auf die Gefahr hin, dass dabei ein paar Gänseblümchen oder Schilfblätter umknicken. Du wirst
merken, dass es ganz schön anstrengend ist, erwachsen zu werden und dass du viele Entscheidungen
treffen musst, wovon du dich auch schnell überfordert fühlen kannst. Da kannst du manchmal ganz
schnell in die Zwickmühle geraten.
Gut, wenn es dann auch ein paar ältere Enten gibt, die wissen, was du gerade durchmachst, und
die zu dir hinkommen, mit dir schnattern, sich in deine Situation hineindenken können und mit
dir zusammen nach Lösungswegen suchen. Bei den Menschen machen Streetworker diesen Job - du hast
sie ja bei deinem letzten Ausflug auch selbst getroffen. Vielleicht gibt es ja in deiner Entenwelt
auch jemanden, dem die Entwicklung deiner Persönlichkeit wichtiger ist als der Dreck, den du
manchmal hinterlässt.
Zu wünschen wäre es dir jedenfalls, denn mit ein bisschen mehr Toleranz lebt es sich eben einfach
besser miteinander - da unterscheiden sich Enten und Menschen nicht. Und so ganz nebenbei macht
es ja auch viel mehr Spaß, gegen die Regeln von jemanden zu verstoßen, der immer nur meckert als
von jemanden, dem du Vertrauen schenkst. Sieh es bei deinem nächsten Ausflug ans "Rote Haus" mal
von der Seite.
Viele Grüße Jan Kaefer, Mobile Jugendarbeit Leipzig e.V.
Hallo liebe Leserinnen und Leser!
Wir bekamen diesen Brief von Jan Kaefer als Antwort auf unser letztes Geschnatter. In einigen
Punkten geben wir recht, aber nicht in punkto Toleranz. Toleranz ist nur dann gegeben, wenn
andere (Unbeteiligte) damit nicht benachteiligt werden. Und erst recht untolerant ist, wenn
Kleinkinder und Spaziergänger durch Glasscherben oder Zigarettenkippen oder Dreck hindurch
müssen, verursacht durch gerade entwickelnde Persönlichkeiten. Toleranz beruht auf
Gegenseitigkeit, ohne wenn und aber.
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